Donnerstag, 31. Januar 2013

Der grosse Schritt nach Panamá




Cartagena - Barranquilla - La Guajiara - Santa Marta - Cartagena - mit Segelschiff über San Blas Inseln nach nach Puertobello - Colòn - Panama City



Von Kolumbien, dem nördlichsten südam. Land, geht es im Segelboot (das Auto im Cargo-Schiff) nach Mittelamerika, nach Panamà. Vorher besuchten wir noch die "unabhängige" Indianerhalbinsel Guaji 

Cartagena: Die Schöne, die Edle, die Vorzeigestadt... Stimmt, aber nebst dem Edlen und Schönen gibt es halt auch einen grossen hässlichen, armen und heruntergekommen Teil. Klar, dass uns der Aufenthalt in der wunderbar renovierten Altstadt gefällt, uns die Wolkenkratzer des neuen Cartagenas beeindrucken, wir aber dafür die Dienste von Bancomaten häufig in Anspruch nehmen müssen.


 Der romantischere Teil von Cartagena
Zwischen Süd- und Mittelamerika hat die Panamericana eine gut 100 km lange Lücke. Nicht mal ein Fusspfad existiere! Die US-Anti-Drogen-Armee verhindere mit allen Mitteln, dass diese Strassen­lücke geschlossen wird.
Nachdem wir die Verschiffung nach Panamá eingefädelt haben, ver­bringen wir einige Tage im äussersten Nordosten Kolumbiens.  Auf dem Weg dorthin bekomme auch ich ein Schlammbad. Wie ein Kor­ken hängt frau im Schlammvulkan in der zähen Masse, beidseitig massie­ren mich sanfte Männerhände (keine gehört Lukas!). Ich erinnere mich an das Gefühl vor 62 Jahren im Mutterleib...
Über viele Leiterstufen, die nicht ganz so glitschig sind wie mein Wille, der Schlammsuppe zu entrinnen,  tappe ich zum See hinunter, wo mich Frauenhände vom Schlamm befreien. Bis aber auch die hinterste Hautfalte schlammfrei ist, dauert’s allerdings Tage.

Rechts steigen die sauberen rauf, links die schlammigen runter


Dies ist ein Farbfoto!
Der Nordzipfel Kolumbiens würde einen längeren Aufenthalt verdie­nen, aber uns Frühpensionierten bleiben nur 7 Tage! Die Sierra Ne­vada mit den schneebedeckten 5000er Vulkanen können wir von der Küste aus sehen. Wir staunen, dass die am Meer herrschenden  37° nicht mehr Einfluss auf die Höhenkälte haben.
Bananen- und Palmenwälder, gepaart mit dichtem Regenwald und  gespickt mit einfachen Hütten begleiten uns nordwärts. Auf der  Halbinsel La Guajira leben die Wayuu Indianer im typi­schen Familienverband. Kommt durch die Heirat eine junge Familie dazu, wird einfach eine Hütte mehr aufgestellt.

Rancheria
Angeblich sollen diese Indianer regierungsresistent sein und weiter­hin nach ihren eigenen Gesetzen leben. Eines dieser Gesetze lautet wohl: Sei unfreundlich gegenüber Fremden, knüpfe ihnen aber ge­hörig Geld ab.
Erst nach mehreren Anfragen finden wir eine Familie, bei der wir die Nacht verbringen dürfen. Der Alkohol scheint ein grosses Problem zu sein. Bei der ersten Rancheria lehnt das Familienober­haupt denn auch unsere Bitte um einen Standplatz mit der Be­gründung ab, es sei zu gefährlich, weil es  zu viele Be­trunkene gäbe. Bei der nächsten angesprochenen Familie sind die Frauen schon so vollgelaufen, dass sie zu einer Antwort nicht mehr fä­hig sind. Schlussendlich gewährt uns eine Familie einen Platz ne­ben ihrer Hütte mit dem Hinweis, dass wir 20 Meter nach hinten fah­ren müssen, da vorne die Betrunkenen seien.

Wir müssen noch etwas weiter von den Bierharrassen weg
Bald werden wir aufgefordert, uns zur Familie zu setzen, bereits  aber nach einer Viertelstunde ins Bett geschickt, weil der Stromgenerator abgestellt wird. Zu mehr als etwas Licht reicht dieser nicht aus. Die Indianer leben mit wenigen Kühen und mehreren Ziegen und Schafen. Der Unterschied dieser beiden Tiergattungen ist von uns aber nicht mehr klar zu unterscheiden. Nachts werden die Tiere in Krals zusammengehalten. Die Gesetze der Wayuu scheinen Diebstahl auch nicht verhindern zu können.

Nicht nur neugierig, sie hätten gerne etwas Geld, oder Guetzli, oder...
Die Kinder unserer Familie stehen bereits um 6 Uhr vor unsererm Auto und verfolgen mit Argusaugen jede unserer Bewegung. Wir fühlen uns durch und durch in Afrika. Auf der Fahrt zum Cabo de la Vela wird dieses Gefühl verstärkt: Sand, niedrige Gebüsche, Hitze und die vielen Schwarzen, zu Fuss oder mit Velo unterwegs im Nirgendwo oder bettelnd am Pistenrand. Den Wegrand gibt es nicht; die Piste ist weitvergabelt und wir müssen den für uns geeignetsten Weg suchen, geniessen aber die Offroadstrecke ungemein.

Herrliche "Wüste" wenn man nicht hier leben muss
Cabo de la Vela ist ein kleines Fischerdorf mit minimalsten Einkaufsmöglichkeiten, wenigen „Restaurants“ (gekocht wird nur, wenn’s der Besitzerin passt) und einigen Palmhütten als Schattenspender (10 Fr. bitte, abzuliefern derjenigen in der Hängematte) für Karibikgeniesser.


Herz was willst du mehr?
Alternative zum Merzli
Die erfrischende Brise, der herrliche praktisch menschenleere Strand, das Schattenhüttli und das Früchteangebot bescheren uns zwei unvergessliche Genusstage. Auch hier sind die Indianer nicht gesprächig, sind reserviert (anständige Umschreibung für unfreundlich) und traditionsgebunden. Das hat den Vorteil, dass das Dorf sehr ursprünglich wirkt und auch ist. Es wäre ein Ort zum Verweilen! Geht einem hier aber das Geld aus, ist man verloren. Keine Bank, kein Geldautomat, Kreditkarte hä? Also Touris, sorgt vor!
Geldmangel einerseits und überrissene Eintrittsgebühr für Gringos andererseits hindern uns am Besuch des Nationalparks Tayrona nördlich von Santa Marta. Dafür mischen wir uns unter die badende  Wochenenddmenge an einem Strand in der Nähe von Santa Marta.

Klar, dass Lukas das Treiben am Strand gefällt

und wir sind nicht die Einzigen
Zurück in Cartagena treffen wir die Landsleute Brigitte und Franz. Mit ihnen zusammen wollen wir unsere Merzlis verschiffen und ge­meinsam den Segeltörn nach Panama geniessen. Die Autos be­kommen liebevoll eine Holzwischenwand eingepasst, damit sie  während der Wartezeiten in den Häfen nicht als Selbstbedienungs­läden missbraucht werden. Das Holz dazu besorgen wir in einem Doityourself-Zen­trum. Lukas fährt gleich mit dem Merzli in den Laden hinein – nichts da mit rumschleppen oder Parkplatz suchen...

Hereinspaziert in die gute Stube
Ein  Agent hilft uns beim Organisieren und Erledigen der Papiere und Formalitäten. Trotzdem verbringen die Männer Stunden  mit Warten und dem Zurücklegen der Strecken zwischen den Stempeln. Am 16.1. ist es aber so weit: Unsere Merzlis dürfen zur abschliessenden Drogenkontrolle. Aber wo beginnen die Fachleute zu kontrollieren in einem Camper, der mit Kisten, Kästli und  Behältern vollgestopft ist? Am meisten interessiert den Polizisten das Kästli, welches durch den Holzverschlag nicht mehr zu öffnen ist. Lukas' Geschick zum Verhandeln kann sich entfalten. Jedenfalls kann er den Zöllner davon überzeugen, dass dort drin genau das gleiche sei wie im Kästchen nebenan. Er pariert sogar die Frage, warum die Reisenden zweimal das gleiche brauchen.
Jetzt darf das Auto auf die Plattform fahren und wird so fest angezurrt, dass es auch eine Achterbahnfahrt überstehen könnte.
Wir feiern den Abschied von Südamerika mit einem schönen Apéro und einem gediegenen Nachtessen am Meer. Ich bin etwas wehmütig gestimmt: Südamerika war das Ziel. Wir haben viel gesehen und bestimmt noch viel mehr nicht gesehen.
Wir verlassen einen interessanten, abwechslungsreichen Kontinent.

Zuerst der Apéro

Dann das Abschiedsfestessen
 Zwei Tage später treffen wir die anderen zehn Passagiere für den Segeltörn nach Panama. Das Segelschiff Luka (also nicht ganz Lukas) kann genau diese Anzahl beherbergen.

Luka, wir kommen
Frau Kapitänin mit der dreiköpfigen Crew warnt in einem mehrseitigen Papier vor rauer See, pissendem Hund an Bord, Seekrankheit, Engegefühl im Boot... Wir aber sind mutig und zuversichtlich – wir werden’s, Novartis & Co sei Dank, wohl überstehen. Als stimmige Vorspeise bekommen wir zwei Stunden Hafenausfahrt bei perfektem Sonnenuntergang. Der 48-stündige Hauptgang besteht dann darin, sterbend in der Kabine zu liegen, vor uns hinzukotzen, uns zwischendurch an den Bettkanten zu halten und auf's WC zu wuchten und schwitzend auf bessere Zeiten zu warten. In einem klaren Moment meint Lukas: „Die San Blas Inseln müssen aber verdammt schön sein, dass sich unser Leiden dafür lohnt“.

Die Hafenausfahrt ist ruhig und richtig zum Geniessen
Während unser Boot in der zweiten Nacht steuer- und motorlos vor sich hinschaukelt, probiert die Crew den Schaden zu beheben. Als Trost für die unangenehme Verzögerung bietet Frau Captain uns eine zusätzliche Nacht im Paradies an. Das Paradies ist die aussch­liesslich mit Kokospalmen bewachsene Turtle Island. In 15 Minuten ist sie gemächlich zu Fuss umrundet. Sie ist bewohnt von einer ein­zigen Kuna-Indianer-Familie, ohne Touristen, hat ausser Hänge­matten keine touristische Infrastruktur (kein Coci, kein Bier, kein Eis – nada!) Danke Kapitän Beate! Die Crew verwöhnt uns am Abend mit Lagerfeuer und Spiessli. Die beiden Nächte in der Hängematte zählen zu den Highlights unserer Reise. Zum Himmel äugend sehe ich den Vollmond zwischen den Palmenblättern und tausend Sterne mir zuzwinkern. Der Wind und das sanfte Plätschern der Wellen lullen mich in den Schlaf.

Wow, eine Insel für uns

Hängemattenlager
So schön ist das Paradies
 Auch der Besuch der weiteren Miniatur-Inseln ist schön ('s hätt Coci und chalts Bier!), aber die wirkliche Idylle fehlt. Am 26. Januar erreichen wir den klei­nen Hafen Puertobelo in Panamá. Belo, nicht bello!: Müll, mit Krätzen und Geschwüren bedeckte Hunde, un­freundliche Leute,  verfallende Häuser fallen als erstes auf. Die Busse sind mit herrlichen Grafities und Sprüchen versehen. Im Taxi bräuchten wir eine halbe Stunde – der Bus gibt sich zwei Stunden bis Colón und uns hohen Erlebniswert. Es gibt keine Haltestelle: Am Strassenrand stehen und mit einer Hand kleine Winkbewegungen ausführen heisst „ich will mitfahren“. Aus­steigwillige schreien oder gestikulieren je nach Sitz- respektive Steh­platz „parar“ und der Bus hält sofort an. Und weil’s so viele winken­de und pararende Reisende gibt, braucht der Bus eben zwei Stun­den.

(Nach Gott die Frauen)  Lukas gibt sich Mühe

Aha, so müssten sie aber ausschauen
 Der Schock, dass Colón mehr Hässlichkeit als möglich präsentiert, sitzt. So schnell wie möglich raus hier! Das Wochenende hat begonnen und die Merzlis müssen sowieso bis zum Montag im Hafen auf die stempelfreudigen Bürolisten warten. Wir fahren mit einem Doppelstöcker nach Panama-City. Freude herrscht! Das Hotelbett schwankt nicht und wir können uns endlich von der Salzkruste freiduschen. Das fussgängerfeindliche Panama City hat eine eindrückliche Skyline. Ohne Taxi kommt man nirgends hin – ausser man lässt sich aufs Busfahren ein, aber das will gelernt und geübt sein.

Strube Skyline
Nicht jeden Tag sind Kreuzschiffe im Kanal zu sehen
Das Besucherzentrum Miraflores am Panamakanal ist Museum und Schleusenbeobachtungsort zugleich. Zufällig passiert das Kreuzfahrtschiff „Queen Elisabeth“. Was für eine Pracht, den eleganten Kreuzer in den engen Schleusen zu bewundern!  2014 feiert der Kanal seinen hundertsten Geburtstag. 14 Arnolds haben beim Bau mitgearbeitet (wurde von Lukas festgestellt), viele Tausend Arbeiter verloren ihr Leben wegen Malaria und Dengue-Fieber.
Am Montag fahren Lukas und Franz (der andere Schweizer-Merzlifahrer) nach Colón, wo sie genau 16 Schalter oder Büros aufsuchen, ungezählte Stempel auf irgendwelche Originale und Ko­pien bekommen und schlussendlich mit dem unbeschädigten Merzli zu einem genau definierten Tor ohne weitere Schlusskontrolle hin­ausfahren dürfen. Lukas rät mir von der Beschreibung der unsägli­chen Bürokratie ab, da sie nicht einmal diese glauben könnten, die sie selber erlebt haben.

Schalter Nummer 14b



Hallo Merzli, wir freuen uns auf die Weiterreise
Die beiden Brigittes durchforsten in der Zwischenzeit die Buchläden (unsere Freunde brauchen noch Reiseunterlagen) und anschlies­send ein Mega-hoch3-Shopingcenter mit über 600 Geschäften und 100 Restaurants. Hèrmes, Vuitton, Armani, Cartiers... alle sind ver­treten und in gähnender Leere sitzt das gelangweilte Verkaufsper­sonal, welches bestimmt auch heute kaum Kunden bedienen muss oder darf. Wir geniessen die wunderschönen Auslagen und wissen, dass wir bestimmt nichts davon  kaufen werden.
Recht zufällig und mit nicht wenig Glück treffen die beiden Brigitte ihre ausgelaugten Männer am Yachthafen von PanamaCity. Das macht uns alle so glücklich, dass wir gleich zum nächsten Bierhahn rennen. Im Yachtclub finden wir ein Restaurant, wo sich der Ab­schluss unserer Überfahrt nach Zentralamerika gebührend feiern lässt.
Jetzt geht's bald nordwärts, nach Costa Rica. Bis zum nächsten Mal!

Wir grüssen alle herzlich und schicken Euch mit gütigerm Herzen die 10° Wärme zuviel gleich mit!




Brigitte und Lukas

Dienstag, 8. Januar 2013

Kolumbianische Festtage

Von Medellin nach Cartagena lernten wir
die Hitze kennen. Morgen beginnt in dieser 
Hafenstadt die Suche nach einem Schiff 
nach Colòn, Panama
Kolumbien wird unser letztes südam. Land sein. 
Ausser in Venezuela und den kleinen Ländern
im Nordwesten waren wir in allen Ländern





















Ob wir auch einen Christbaum im Auto hätten? Notgedrungen einen Bonsai? Nein, denn das ist nicht nötig. Die Kolumbianer sind fleissige Dekorierer. Die Ortschaften sind weihnächtlich dekoriert, mit ganz unterschiedlichem Aufwand. In Medellin ist die Dekoration millionenschwer, im kürzlich besuchten Sopetran wurden Schneesterne mittels Petflaschen, CDs und Silberpapier gefertigt. Wichtig ist überall: Möglichst alles aus Plastic und es muss farbig blinken. In der Gastfamilie in Medellin, wo wir bis kurz vor Weihnachten wohnen durften, sind diese Bedingungen mehr als erfüllt: Baum und Gehäng­sel aus Plastic, alles blinkt in verschiedenen Programmen, und zusätzlich dreht sich der Baum. Ein Samichlaus stellt halbminütlich seine Leiter an den Baum, um den übervollen Rucksack loszuwerden. Und vor dem Fenster auferstehen täglich unzählige Male zwei Schneemänner, bei 27° C eine gute elektronische Leistung!

Unsere Gasteltern mit ihren 3 Söhnen,
Santiago ist der zweite von rechts



Ja, der Samichlaus resp. die Familie Mejia hatte auch für uns ein Geschenk im Rucksack. Wir durften während zweier Wochen auf ihrer gemieteten Finca 80 km nördlich von Medellin die Feiertage verbringen. Das gab uns Gelegenheit, die Bräuche in einer Familie der kolumbianischen Oberschicht etwas kennenzulernen. Dazu genossen wir die tropische Wärme, die wegen der idealen Höhenlage nie zur Hitze wurde. Was für ein Erlebnis, um den Jahreswechsel herum täglich und bis tief in die Nacht hinein kurzghöslet und im T-Shirt in der Nähe des Pools herumzuhängen und dabei sich auf die treuen Dienste der beiden Hausangestellten verlassen zu dürfen! („Don Lucas, wünscht er vielleicht Kaffee oder Saft?“).
Auffahrt zur Finca


Hier lässt sich leben, oder?


















Wie ist das 
Ferienleben auf dieser kolumbianischen Finca?
Blick vom Schwimmbad aus
An erster Stelle muss ich die herrschende absolute Freiheit und die extreme Toleranz erwähnen. Brigitte bezeichnet diese Freiheit zwar als Chaos, ich betrachte es als Toleranz-Nagelprobe für mich. 



Zum Beispiel bereitet die Haushalthilfe das Mittagessen vor, sodass es zwischen 12°°h und 14h30 bereit ist. Die andern halten aber Gegenrecht: Wenn sie zum Essen ruft, kommen lange nicht alle sofort, sondern verteilt auf zwei Stunden. Ausser dem Mittagessen futtert man aus dem Kühlschrank (dessen Türe zwischen zwei Kühlschrankgängen durchaus offen bleiben kann). Oder jemand kocht irgendwann Milchreis und stellt den Topf damit auf einen Tisch. Oder bringt aus dem Dorf etwas in Öl schwimmendes mit. Oder rüstet Papayas und lagert die Schnitze neben der Ausgangsmeile der Fliegen. Oder wirft den Grill an und muss zuschauen, wie ihm das noch halbrohe Fleisch vom Blech weg gefressen wird. Auch Brigitte wurde der warme Zopf noch direkt vom Ofen angeknabbert. Auf das Wegräu­men von leeren Bierbüchsen oder Essensresten, auf das Zurücklegen des Getränke-Eises in den Gefrierer scheint die Todesstrafe zu herrschen, es wird den Haushalthilfen überlassen, die unermüdlich und erfolgreich gegen die Un­ordnung ankämpfen (für 300 Fr. pro Monat). Der Radio plärrt mindestens 24 h täglich, und grundsätzlich auf Maximallautstärke (die Musikauswahl gefällt mir allerdings). Und wenn ich mal den Lautstärke-Knopf ganz verstohlen und nur um ein µ zurückdrehe, werde ich angeschaut, als käme ich soeben vom Mars. Das Handy hat immer und überall absoluten Vorrang: Während des Kartenspiels, während eines Ge­sprächs, während dem Billardspielen wird auf dem Natel herumgedrückt, als sei es ein Patient auf der Notfallstation. Und beim Telefonieren wird so in den Knochen geschrieen, als wäre er ausgeschaltet und der andere müsse alles trotzdem verstehen. Und niemand (der Einheimischen) stört sich im Gerings­ten daran!
Was gibt es besseres als eine sonnenwarme
Mango zum Zmorge?
Ich habe schnell gelernt und galt
bald als "Mangorüster vom Dienst"


















Ich bewundere mit offenem Mund diese Toleranz. Nicht einmal, also nie, kein einziges Mal, höre ich, dass jemand zurechtgewiesen wird, über jeman­den negativ gesprochen, etwas nicht gutgeheissen wird. Wenn jemand wäh­rend des Billardspielens wegläuft, spielt er halt nicht mehr mit. Damit hat es sich. Wenn die 17Jährige während des Kartenspiels u-n-u-n-t-e-r-b-r-o-c-h-e-n auf dem Natel herumtöggelet, verjagt es mich fast. Aber niemand anders (ausser noch Brigitte) stört sich daran oder lässt sich etwas anmerken. Man nimmt das wegen dem Teeny langsamere Spiel einfach in Kauf. Als Alt-Lehrer musste ich einmal mit einer Bemerkung Dampf ablassen. Die Antwort: „Sie ist so glücklich mit ihrem Handy!“. Wenn jemand mit verschwitztem sonnengeöltem Ranzen neben der Dusche vorbei in den Pool plumpst, juckt es mich. Die andern realisieren das kaum oder denken, der wird halt nicht gern duschen.
Der Gringo macht etwas ohne Fleisch und ohne Reis?
Das muss interessant sein!


Der Heiligabend und die Silvesternacht verlaufen ähnlich. Weiterhin ist ein Kommen und Gehen von Gästen. Alle sind extrem entspannt, geniessen die Gesellschaft, den lauen Abend, trinken, tanzen oder werden getanzt. So nebenbei fut­tert man feine Häppchen. Neben dem Grill lagern mehrere Kilo Fleisch. Bevor es aber gegart werden kann, muss der Hausangestellte im Dorf noch Holz­kohle besorgen. Das ist auch 

Beim Duschen nicht warten, bis warm kommt,
sondern bis das Wasser kalt fliesst!
am Heiligabend spät offenbar kein Problem. An beiden Festen lassen die umliegenden Fincas Feuerwerk in die Luft, was das Zeug hält. Und ein Gast brachte einen noch leistungsstärkeren Musiklautsprecher. Auch zum Hauptgang – welcher ist es eigentlich? - sitzt man nicht zusammen an einen gedeckten Tisch. In einer Schüssel oder auf dem Grillblech ist das Fleisch, man bediene sich, Plasikteller liegen bereit. Sollte irgend ein Auslän­der noch Kartoffeln oder Chips wünschen, so hat es dort hinten unten links. Übri­gens:  
Was ist eigentlich Salat oder Gemüse?

Aus diesem Stückli Fleisch gibt es
sicher zwei/drei Häppli


Immer fröhlich


















Am 2. Januar verlassen wir unsere lieben Gastgeber mit grösster Dankbarkeit für die absolute und beispielhafte Gastfreundschaft und Grosszügigkeit, für die uns gebotene Live-Show über das Leben und die Bräuche in einer kolum­bianischen Familie. In unserem Gepäck haben wir den Beweis, dass das Ge­lingen einer Einladung, eines Festes nicht vor allem von einem perfekt ge­deckten Tisch, von einer tadellosen Vorbereitung abhängt. Hoffentlich verlie­ren wir dieses kostbare Souvenir nicht bis zu unserer Rückkehr.
Ungezwungenes Zusammensitzen

Jetzt sind wir auf dem Weg an die Karibikküste, nach Cartagena, um dort ein Schiff nach Panama zu finden (es gibt keine Strasse, nicht mal einen Fuss­weg zwischen Kolumbien und Panama). Die tropische Hitze auf Meereshöhe hat uns nach dem letzten Andenpass bereits voll erwischt. Gestern Nacht, endlich eingeschlafen, träumte mir, ich hocke im Fegefeuer und hätte von Petrus die heisseste Ecke zugewiesen be­kommen. Wie ungerecht, habe ich mir doch an Silvester soviel Gutes vorge­nommen!

Dass niemand von Euch auch in diese Ecke muss, hoffen mit lieben Grüssen

Lukas und Brigitte


Über die Festtage habe ich ein/zwei Kilo zugenommen,
aber ich habe ja Neujahrsvorsätze gefasst!