Freitag, 25. Mai 2012

Die Tage werden kürzer - die Temperaturen steigen

Foz do Iguaçu – Dourados - Bonito – Campo Grande – Miranda



Die Pause auf dem Camping in Foz do Iguaçu dauert 10 Tage. Wir wollen mal so richtig ausspannen – wie Leute, die Ferien haben, neue Reiselust schöpfen und uns auf die tropisch heiss-feuchten Gebiete wappen. Unser Nachbar, Brasilianer und somit sehr einkaufsfreudig, schleppt uns über die „Brücke der Freundschaft“ in die Grenzstadt: ein zollfreies Einkaufsparadies in Paraguay. Mit Lukas verschwindet er für Stunden im Gewusel der vielen Ein- und Verkäufer, während ich mich in Supermärkten jeder Couleur umschaue.



Resultat: Das Merzli bekommt 4 neue Finkli mit etwas mehr Stollen, das lang gesuchte GPS-Kärtchen für Brasilien wird hier feilgeboten und darum gekauft (in Brasilien nicht käuflich), die neue Bluse aber darf nur mitkommen, wenn ich ein altes T-Shirt wegwerfe (d.h. verschenke), und am Ende von Zeit, Nerven und Lust lassen wir uns ins Taxi plumpsen und zurück zum Camping fahren.
Die Pneus werden abends auf den Campingplatz geliefert. Das eigene Auto in die Grenzstadt, d.h. über die Grenze mitzunehmen, hätte einen Grenzübertritt mit allem drum und dran, unter anderem blankliegenden Nerven, bedeutet.
Am Folgetag führt Lukas das Merzli zum Beschlagen in eine Pneuwerkstatt und unser Nachbar geht nochmals in die Grenzstadt, um die leere Chipkarte gegen gopferdori eine volle umzutauschen.

Wann ist es für einen Brasilianer zu kalt für ein Bier? Nach dem anstrengenden Einkaufstag laden wir den netten Brasilianer zu einem kühlen Bier ein – er lehnt es vehement ab, weil es zu kalt sei für ein Bier! 27° im Schatten!! Bei hoher Luftfeuchtigkeit! Lukas und ich stürzen das Bier runter und bekommen deswegen noch lange keine Frostbeulen.



Nach Besichtigung der witzigen Buddha-Tempelanlage ausserhalb von Foz do Iguaçu und des weltweit effizientesten Wasserkraftwerk von Itaipu fahren wir zum „schlechten Gewissen“ der Wasserkraftwerkbauer (viel Natur und viele Dörfer wurden beim Bau ertränkt – offiziell: „verändert“) – zu einem der drei grossen Campinganlagen am Stausee. Sie stehen inkl. Stromanschluss gratis zu Verfügung,. Das Einsammeln von paradiesisch reifen Mangos und Avocados, der Mahlzeitenservice – geliefert direkt vors Merzli (Salate, Fleisch und Beilagen für 2 Personen, zusammen 3.50 Fr. bitte) - lassen uns wieder einige Tage verweilen.

Wo sonst bekommt man so frische Früchte schon am frühen Morgen und spart viel Gas, weil man nicht kochen muss?! Jeder Stellplatz ist mit Grill, Elektroanschluss, Wasser und Sitzgelegenheit ausgerüstet. Tagsüber herrscht hier Ruhe. Am Abend aber dröhnen dann die elefantösen Boxen aus den Autos: Hämmernder Technosound, immer gleich, durchaus mit Baulärm vergleichbar. Das gehört zu den testosterontriefenden Machos, welche abends zahlreich hier aufkreuzen und den knapp angezogenen Muchachas imponieren wollen.
Heftiger Regen und Gewitter verwandeln die Wiesen zu Sümpfen und lassen die reifen Früchte noch zahlreicher vom Baum fallen.



Nordwärts werden die Häuser einfacher, die Supermärkte zu Minimercados. Immer wieder fahren wir an aus Plastikplanen erstellten Hütten vorbei. Was für ein Leben dort wohl stattfindet? Die Vorstellung dieser Lebensweise drückt auf den Magen und irgendwie auch auf das Gewissen. Sind das schlechtest bezahlte Wanderarbeiter? Wir lassen uns aufklären: Es sind Landbesetzer, die auf eine Gelegenheit warten, auf die Felder einzudringen. Das Betreten eines verriegelten Grundstückes wird als Einbruch geahndet, das Betreten eines unverschlossenen Grundstückes aber als „Versehen“ abgetan. Zwischen den Estancieros und den Landlosen gäre es! Wir spüren von Kriminalität nichts – ausser die extreme Angst der Einheimischen davor.

Die Flüsschen in Bonito sind so klar, dass der Grund und die sich darin tummelnden Fische gut sichtbar sind. (An Lukas: Fischen könne mit bis zu zwei Jahren Kerker bestraft werden). Schnorcheln ist angesagt: Nachdem wir mit Neopren-Anzug, -Schuhen und Schnorcheln ausgerüstet wurden, geht’s ab zum Steg, wo wir demonstrieren müssen, dass wir des Schwimmens mächtig sind. Im Boot rudern wir 40 Minuten hart flussaufwärts – ohne mit dem Paddel den Boden des Gewässers zu berühren. Herrlich ist es, unter Lianen, unter halbumgekippten Bäumen durch das satte Grün zu paddeln. Schon jetzt sehen wir die Fische im extrem klaren Wasser.
Bald lassen wir uns sorgfältig ins Wasser gleiten – sodass weder Sand aufgewirbelt noch die Fische erschreckt werden und lassen uns das Flüsschen hinuntertreiben. Schwimmbewegungen sind verboten! Erlaubt ist, sich sacht treiben zu lassen und ruhig vor sich hinzuschnorcheln. Wie herrlich, sich wie ein Fisch unter seinesgleichen zu fühlen! Die Vielfalt ist zwar etwas enttäuschend, dafür imponiert die Grösse umso mehr. Die Wasserpflanzen heben sich fantastisch vom weissen Sand ab – das Licht und Schattenspiel ist faszinierend.

Eine Biketour ab dem Campingplatz bringt uns nach Bonito mit all den Annehmlichkeiten eines Touristendorfes inmitten der Natur.


Gestärkt nach einem Buffet-Essen (= bezahle 7.50 SFr. und esse so viel du magst von Salaten, Fleisch, Beilagen und Desserts) radeln wir vollbäuchig zurück und geniessen Liegestuhl, Vogelgezwitscher und –gekreische.



In Campo Grande finden nach fast dreistündiger Stadtrundfahrt bestätigt, was im Reiseführer zu lesen war: Campo Grande bietet nichts! Es ist eine Grossstadt mit vielen Schuh- und Kleidergeschäften (aber weder Gucci, Armani noch Chanel sind vertreten!), einigen Baumalleen (z.T. mit Tukanen bestückt), einem Flughafen als Ausgangspunkt für Touren ins Pantanal. Uns bietet Campo Grande eine Mercedes-Werkstatt, wo wir einen zusätzlichen Dieselfilter einbauen lassen. Die Bemühungen der Mechaniker sind riesig, das Knowhow über europäische Sprinter das Gegenteil.


Da der Einbau länger dauert, übernachten wir im Hotel. Es ist auf unserer Reise die erste Übernachtung in einem grossen Bett (auf dem Schiff waren’s Etagenbetten), Badezimmer, Bar (wichtig für den Caipirinia).


Trotz Komfort kehren wir gerne zum Merzli zurück.
Richtung Pantanal fehlen uns knapp 100 km bis Miranda, wo Miriam (Schweizerin) und Marcelo (Brasilianer) ein Hostel mit Stellplatzmöglichkeiten für Camper bieten. Es ist ein Paradies mit vielen Tieren, einem domestizierten, eher aufdringlichen Hiazinth-Ara, der blitzgescheit ist (öffnet den Wasserhahn selbst und duscht sich, öffnet das Tor zum Hühnerhof und macht alle Hühner glücklich), zwei Junghunden, einem Babyhund, Katzen, Pferd, diversem Geflügel und vielen Bäumen, wo sich Tukane, Papageie, Spechte... tummeln.


Morgen geht’s weiter zu einer zweitätigen Tour im Pantanal: Ein Mal per Boot, am zweiten Tag zu Fuss und zu Pferd. Im Moment gewittert es tropisch stark – wir stellen uns das Wetter für morgen gerne etwas besser vor.

Bei guter Gesundheit, Reisefreudigkeit und mit einem zuverlässigen Merzli grüssen wir herzlich

Brigitte und Lukas

Sonntag, 6. Mai 2012

Iguazu und Iguaçu

Colonia Carlos Pellegrini - Mercedes - Uruguaiana - Porto Alegre - 
Novo Hamburgo - Passo Fundo - Foz de Iguaçu




In Mercedes (nicht „im Mercedes“) retablieren wir: Einkaufen, Wäscherei, und auch der Mercedes bekommt eine Dusche. Der Autowäscher muss nach getaner Arbeit den abgewaschenen Sand wahrhaftig mit der Schaufel wegräumen!Jetzt sind wir fit für den Grenzübergang und unser neues Reiseland Brasilien. Die Ausreise aus Argentinien ist in 20 Min erledigt, aber die Einreise dauert. Die verschiedenen Schalter sind von 1 bis 7 markiert, aber listigerweise nicht in dieser Reihenfolge! Diesen Grenzübergang benutzen Europäer mit eigenem Auto sehr selten. So sind wir gezwungen, die Grenzer zu zwingen, sich aus ihrem eintönigen Tagestrott herauszuzwingen und nach ungewohnten Formularen in ihren klemmenden Schreibtischschubladen zu suchen. Unser Haupt-Betreuer ist ein absolut korrekter, arroganter und völlig desinteressierter schmerbäuchiger Zöllner, dem der Arzt offenbar verboten hat, sich schneller als im Zeitlupentempo zu bewegen. Wie er merkt, dass wir kein Portugiesisch sprechen, stellt er jede verbale Kommunikation ein und beschränkt sich auf Gesten.
Die erste brasilianische Stadt macht einen aufgeräumten, guten Eindruck auf uns. Nur die Bankomaten gefallen uns nicht: In drei Banken meinen sie einhellig, sie können unsere Karten entweder nicht lesen oder sie seien ungültig. Und die Bankschalter schlossen um drei Uhr. Dank einer grossen €uronote aus dem Geheimfächli im Auto hilft uns ein Wechselstübli aus der Patsche.



Die Argentinier sind Weltmeister im Campieren, die Brasilianer kennen offenbar dieses Wort nicht: Ein riesiger Lastwagen-Parkplatz ist unser erster Übernachtungsort. Keine Ahnung von portugiesisch, aber spanisch könnten wir hervorragend! Unser Ziel ist ja ein Reisemobil-Ausbauer nahe Porto Alegre. Per Mail versprach er mir in Erstsemester-Englisch, eine Wasserpumpe bis zu meiner Ankunft besorgt zu haben… Die gut 600 km führen durch eine sehr ebene, häufig sumpfige Landschaft. Wir haben ausgiebigst Gelegenheit, riesige Maisfelder zu bewundern - brasilianisch riesig, nicht schweizerisch riesig!
















Freude herrscht über die auf Anhieb gefundene kleine Camperfirma, aber warum ist sie geschlossen? Das ganze Firmengelände ist mit Mauern und Stahlzaun hermetisch abgeschlossen, kein offenes Tor.
Wir finden eine halb verrottete Klingel, und siehe da: Man empfängt uns wie erwartete Gäste. Der Frau des Chefs – sie spricht leidlich deutsch - erkläre ich per Handy unsere Wünsche, und sie gibt diese weiter an ihren Mann. Aber da es in einer Stunde bereits Mittagszeit ist, werde man erst am Nachmittag mit der Arbeit beginnen. Man empfiehlt uns ein Arbeiter-Restaurant. Selbstbedienung aus den
Pfannen, schöpfen „bis genug“, Getränk nur 2-Liter-Flaschen, für beide zusammen 10.- Fr. bitte


Die Pumpe – etwas gar gross und viel zu stark – ist rasch eingebaut. Den Fehler bei der Standheizung zu finden, dauert länger. Unser Merzli-Lieferant hatte bei den Kabelanschlüssen bei der Brennstoffdosierung für grosse Höhen geschlampt!




 Am Folgetag wird unserem Wohn- und   Schlafzimmer noch ein sauteurer, aber nicht minder guter Teppich verpasst.


Der Umweg hat sich gelohnt, wir verlassen Vettura gut bedient und zufrieden Richtung Iguaçu-Fälle.


Auf unserem weiteren Weg erfahren wir, dass das komplette Abschoten einer 
Firma, eines Hauses hierzulande durchaus normal ist. Wir durften auf dem Firmengelände des Camper-Ausbauers übernachten. Die Wache, die ab Arbeitsschluss aufmarschierte, sei orientiert. Ab 20 Uhr dürften wir aber das Auto nicht mehr verlassen, da die Wache  mit Hunden verstärkt würde. Nachdem wir das nicht allzu sympathische Gekläff gehört hatten, waren wir gerne bereit, der Anweisung pedantisch Folge zu leisten...
Jeder grössere Laden ist mit Wachpersonal bestückt. Im Eingang zu jeder Bank stehen mindestens zwei bewaffnete Securitasleute. Auch recht armselig gebaute Häuser sind rundum mit massiven Zäunen gesichert. Auf jedem Parkplatz patroullieren Sicherheitsleute. Schönere Häuser sind mehrfach gesichert: Alle Fenster und Türen vergittert, ein massiver Zaun und Mauern umgeben das Grundstück, und auf den Mauern und Zäunen drohen zusätzlich Elektrodrähte. Plus Hund(e). In einer städtischen Schule sehe ich beim durch ein Drehkreuz gesicherten Eingang einen Sicherheitsmann, der wacht, dass niemand Unbefugter das Schulareal betretet. Ob es bei uns vielleicht einmal umgekehrt sein wird?



Die Feldwege sind nicht gar so lückenlos abgehagt wie in Argentinien. Das verleitete die Arnolds dazu, 30 m neben der Asphaltstrasse auf einem Feldweg im Auto zu frühstücken. Schon prescht ein Auto hinter unseres, spuckt drei voll uniformierte (inkl. fingerlosen Handschuhen) Männer aus, setzt zurück und hält in taktischem Abstand neben uns, die drei Männer nähern sich uns mit a) Pistole im Anschlag, b) Langgewehr mit kanonenrohrähnlichem Lauf im Anschlag , c) Schlagstock einsatzbereit. Das Ankenbrot noch im Mund erklären wir, wer wo was wir sind und was das Kreuz – nein, nicht Ambulancia! - bedeutet. „Das nächste Mal bitte vor einer Polizeistation frühstücken, viel sicherer!“. Bleibt noch beizufügen, dass wir bis zur Stunde noch nie und nirgends ein unsicheres Gefühl hatten...
Das Wetter ist regnerisch, die Iguaçu-Fälle locken: Wir fahren zügig durch. Uns lockt auch der gelobte Campingplatz beim Parkeingang. Nur: Er ist geschlossen. Eine Frau erlaubt uns auf Anfrage ohne weiteres, vor ihrem Grundstück die Nacht zu verbringen. Ihr Grundstück selbst ist mit hohem Stahlzaun gesichert.



Der Parkeintritt der brasilianischen Seite der Fälle ist gemäss Anschlag dreigeteilt: Eintritt, Bustransport und freiwilliger Schutzbeitrag. Da wir mit dem Velo in den Park fahren, will ich nur den Eintritt kaufen. Não! Den Transport muss man kaufen, auch wenn man ihn nicht benutzt. Und der freiwillige Beitrag ist obligatorisch. Gut, dass wir gelernt haben, uns über wundernswerte Dinge nicht mehr zu wundern. Und wahrscheinlich zur Verhinderung von endlosen Diskussionen spricht die Dame am Informationsschalter – nicht Billettschalter! - ausschliesslich und nur portugiesisch.

Wir besuchen an je einem Tag die brasilianische und die argentinische Seite der Fälle. Diese haben ihren Plural von den je nach Wasserstand bis zu 270 Einzelfällen, die sich über einen 2,7 km breiten halbmondförmigen Basaltriegel zum Teil doppelt so hoch wie die Niagarafälle in die Tiefe stürzen. Der Anblick von beiden Seiten ist unbeschreiblich grandios.


Auf der brasilianischen Seite haben wir einen atemberaubenden Blick auf das Gesamtszenarium, und wir stehen auf der Bühne; auf der argentinischen Seite ist man näher dran, man sieht das Stück. Die brasilianische Seite bot uns 1 km Stege plus kalte Dusche für Mann und Fotoapparat, anschliessend ein Restaurant mit freiem Buffet inklusive unbeschreiblichem Ausblick und Sound.











Zum Dessert besuchten wir einen ausgezeichneten Vogelpark mit allen in der weiteren Umgebung vorkommenden Vögeln, aber hier nicht kamerascheu.
Der Schnabel ist der halbe Vogel!

Der erste Kolibri, den ich sehe!


Für etwas Hirn ist kein Platz vorhanden...


















Die Argentinier boten zuerst eine Bähnlifahrt durch den Urwald und dann mehrere Kilometer Stege. Auf einem kommen wir so nahe daran, dass wir die herabstürzenden Wasser des „Teufelschlunds“ fast berühren können, ein anderer erlaubt uns, den Absturz direkt von der Kante aus zu erleben. Ich zitiere unser Reisebuch: „Es tobt, gischt und brodelt, sprudelnd, brausend und rauschend stürzt der Fluss herab, feine Nebel liegen über allem und verwandeln sich im Sonnenlicht in Regenbogen“.
  Filmli (auf Pfeil klicken)














Kilometerweit Stege!















Jetzt machen wir Pause auf dem Campingplatz in Foz do Iguaçu: Die Folgen des Foto-schiessen-Rausches bewältigen (sprich Fotos sortieren), Tagebuch und Blog schreiben, waschen, einkaufen, uns vom Schock eines kompletten Ausfalls der Camperelektrik erholen (vermeintlich! Woher soll ich wissen, dass es in Brasilien am gleichen Ort häufig 220V und 110V-Steckdosen gibt?). Und meine Verdauungsreste lernen wieder, den dazu vorgesehenen Körperausgang zu wählen.



Liebe Grüsse!
Lukas und Brigitte


Montag, 23. April 2012

Im Norden Argentiniens

Salta - Resistencia - Posadas - Esteros del Ibera-Colonia Carlos Pellegrini


Bevor wir in die grosse Stadt Salta fahren, queren wir einen Kakteenwald, einen Pass und ein Tal. Die klimatischen Verhältnisse ändern sich schnell und dramatisch. Im Kakteenwald ist es heiss,  trocken, windig.


Von weitem sehen wir rasch anschwellende Wolken über dem angepeilten Pass (3400m). Und auf dem Pass können wir gerade noch knapp die Strassenführung erkennen – so schwarz und schwer hangen die Wolken (wer mich kennt, weiss, was für mich drohende Gewitter bedeuten). Die Weltuntergangsstimmung ist dann für mich schlicht unerträglich. Lukas spürt nicht mal ein Unwohlsein, fährt unbeirrt über die Passhöhe und die streng abfallende Strasse weiter, die wir gerade noch knapp ausmachen können.

 Wie Herbst in unseren Alpen
500 m tiefer bessert's. Zwischen den Nebelschwaden erkennen wir sattgrüne Berghänge, die sich in engen Serpentinen windende Strasse und wir queren viele Bäche. Bei der ersten Häusern – es sind ein Kirchlein und eine Schule – nehmen wir eine junge Frau ins Auto. Sie erklärt, dass sie täglich das Schulhaus reinigt.  Der Arbeitsweg beträgt etwa 5 km! Ein Velo vermag sie nicht.

Der nächste Morgen zeigt sich wesentlich freundlicher. Wir fahren nochmals 10 km den Pass hinauf, haben nun Aussicht und können Euch deshalb die Eindrücke in Bildern schicken.

Macht doch gleich einen anderen Eindruck!
Salta – La Linda – ist, was Ambiente und Reste der Kolonialbauten betrifft, wirklich ganz nett. Protzig im Zentrum stehen der Dom und die San Francisco-Kirche im goldenen Barockstil. In der Fussgängerzone reihen sich Schuhgeschäfte an Kleidergeschäfte – wie’s eben offenbar sein muss in grösseren Städten. Dafür wartet der grosse Platz mit viel Action auf: Schüler- und Arbeiterdemos mit viel Radau, grosse Bäume, viele Bänklein und reihum Strassenkafis.
Könnte in Spanien sein - ist aber in Salta
         Der Turm des Domes















Alles schön und gut – wir suchen aber die Mercedes-Garage, um unserem Merzli einige fachmännische Streicheleinheiten zu gewähren. Wir werden von einem Jefe begrüsst – allerdings nicht, bevor wir durch einen Sicherheitsmann gecheckt und angemeldet wurden. Wir stehen Mister Bean gegenüber – ginge es uns nicht um etwas Wichtiges, hätten wir uns totgelacht. Jede Geste und der Sound der Sprache stimmen haargenau und er benimmt sich auch mindestens so überheblich wie Mr. Bean. Sein Spanisch ist unverständlich-lallend. Wir müssen feststellen, dass Mister Beans Kopie offenbar besoffen ist. Mit viel Lächeln und Bitten bekommen wir einen Werkstatt-Termin für den Folgetag. Nach 30'000 km und vor der Fahrt in Boliviens Höhen soll das Merzli frisches Öl  bekommen und eigentlich auch einen neuen Dieselfilter – aber: no hay esto! Der Anschluss an den Diagnostik-Computer  zeigt, dass der Partikelfilter in gutem Zustand ist. Eine Prognose für die Fahrt nach Bolivien, wo wir längere Zeit über 4000 müM fahren werden, wollen die Fachleute uns nicht abgeben, ermuntern uns aber, die Fahrt zu machen (zu wagen).

Merzli muss bei Mercedes anstehen
Salta bietet eine sportliche Möglichkeit: Auf den Hausberg (Cerro San Bernardo) führen 1100 Treppenstufen! Es ist ein Kreuzweg und wir werweissen, ob es 10, 12 oder 14 Stationen gibt. Bei der 8. hoffe ich, dass es höchstens 10 sind – bei der 12. und immer noch Stufen vor mir,  weiss ich, dass es 14 sein müssen.  Das Terrassenrestaurant entschädigt: Es bietet uns einen Platz an vorderster Front und einen Blick über die Stadt, ins dichte Gewölk, wo die schneebedeckten 6000-er dahinter verborgen bleiben. Selbstverständlich hüpfen wir die Treppe auch wieder hinunter und lassen die Seilbahn links liegen, fahren lassen werden wir uns erst, wenn wir alt sind.

Nebst Treppen gabs auch Rampen
Der einzige Campingplatz der Stadt ist „en renovación“, d.h. wir schlafen auf der Strasse. Wir geniessen die Tage in der Stadt, suchen dies und jenes und finden jenes und dieses nicht (z.B. Ersatz für unsere sterbende Frischwasserpumpe). Dafür treffen wir Ernst und Isabelle, welche in vier Wochen Argentinien in einem dichten, aber interessanten Programm kennenlernen. Wir treffen auch Nadine und Daniel – Nadine arbeitet auf der ZKB in Fehraltorf – Zufall oder kleine Welt?

Als erstes im Chaco lernen wir die extrem kleinen und noch extremer  lästigen Mücklein kennen. Kaum 1/4 mm gross, aber stechen tun sie wie die grossen. Trotzdem lohnt sich der Abstecher zum Chaco-Nationalpark. Die grossen Tiere verbergen sich – aber wir geniessen eine Velotour durch die Feuchtsavanne.

Immer wieder schön, wenn wir die Velos auspacken
Einige Vögel sind recht zutraulich, vor allem, wenn Küchenabfälle anfallen. Das Papageien-Geschrei am Morgen (sie lassen sich nicht fotografieren) erinnert an Affengebrüll. (Und solche soll es im NP auch haben).

Wir teilen das Brot
Esteros del Iberò
Das grösste Feuchtgebiet Argentiniens liegt im Nordosten in der Provinz Corrientes.  Im heftigem Gewitterregen besuchen wir zuerst das grösste Wasserkraftwerk Argentiniens (Yacyretá) bei Ituzaingó (trotz diesem Namen nicht in China). Und bei strahlendem Wetter fahren wir am nächsten Tag Richtung Nationalpark. Was nach einer gemütlichen Tagesfahrt aussieht, wird zu einer abenteuerlichen Rutschpartie durch 120 km durchnässten, tiefen Sand und Schlamm.

Im Gleis geht's ja noch - fahr ja nicht daneben!
Halbherzige Entscheide sind auf dieser Piste fehl am Platz: Steckenbleiben darf  man ganz einfach nicht, weil a) niemand da ist, der einen rausziehen kann, b) weil’s auch neben der Strasse sumpfig ist und fester Untergrund fehlt, c) weil stundenlanges Schaufeln weder Lukas' noch meine bevorzugte Sportart ist. Entweder wir warten 1-2 Tage, bis es etwas abtrocknet (mit dem Risiko, dass es erneut zu regnen beginnt), oder wir fahren mutig und zackig in den Pflotsch hinein. Klar, dass Lukas die letztere Variante (mit meinem Einverständnis!) gewählt hat. Unsere Nerven und Muskeln sind angespannt, die Konzentration des Lenkers (zeitweise auch der Lenkerin!) ist hoch. Aber wir haben es geschafft und erreichen just beim Eindunkeln unser Ziel, Colonia Carlos Pellegrini. Auch das Dorf steht noch halb unter Wasser – umso grösser ist unsere Freude über den schön angelegten und trocken gehaltenen Campingplatz.

Sonst kommt es so raus
Gut beim Camping angekommen
Das mit Termitenhügeln durchzogene, topfebene und feuchte Land dient tausenden von Kühen und Pferden als Weideland. Allerdings machen die Höfe nicht den Eindruck, dass hier das grosse Geld verdient werden kann. Oder ist es so, dass die Verwalter hier draussen hausen, während die Besitzer in angenehmerer Umgebung das Leben geniessen? Unsere zukünftigen Filets und Hamburger dürfen aber hier ein artgerechtes und freies Leben haben.

Die ganze Vielfalt auf dem mit schwimmenden Inseln durchzogenen See präsentiert sich auf unserer Bootstour: Wir bestaunen Vögel mit elend langen Beinen und noch viel längeren Zehen, faul daliegende Kaimane, (sehen aus wie ausgestopft) – drei Monate alte Kaiman-Babys erinnern daran, dass Kaimane nicht nur fressen und dösen - Wasserschweine spielen im Wasser, ein Sumpfhirsch weidet gemächlich vor sich hin, ganze Teppiche von Seerosen und Binsen lassen den Fotoapparat arbeiten.


3 Monate alt sind die kleinen Kaimane
Die Mama lässt die Kleinen alleine

                                                                            Wassertaxi


Wir sind so begeistert, dass wir gleich noch eine Nacht-Bootstour  buchen. Da blinken uns funkelnde Augen an, grosse Wasservögel hocken schlafend auf den Bäumen, die Wasserhirsche haben den Bauch offenbar immer noch nicht voll. Und über allem funkelt ein traumhafter Sternenhimmel. Zwei Wochen schonte ich meinen entzwei gebissenen Zahn und habe wie Vogel Strauss die Tatsache, dass ich etwas unternehmen, also einen Zahnarzt aufsuchen muss, ignoriert. Dann bildete sich aber eine Eiterbeule. Diese half aufdringlich, schnell einen Zahnarzt zu finden.  Ein recht vertrauenswürdiger Eingang zu einer Zahnarztpraxis lässt mich meine Angst überwinden. Nach einer Wartezeit von einer halben argentinischen Stunde (mal vier ergibt schweizerische Stunden) begrüsst mich der junge Zahnarzt, er schaut und rückt gleich mit der Spritze an: Der Zahn müsse gezogen werden, da auch die Wurzel gespalten ist. Mit grosser Sorgfalt zieht er den riesigen Backenzahn in zwei Teilen heraus. Antibiotika für den entzündeten Kieferknochen und 25 Fr. für die stündige Arbeit! Ich werde bei meinem Zahnarzt in der Schweiz für das Implantat bestimmt das 100-fache hinblättern müssen.

Ein Wiedersehen mit Ruedi und Maria aus Österreich (das erste Mal trafen wir sie in Mendoza) und das Kennenlernen von Rosi und Klaus, ein deutsches Paar, welches sich vor einigen Jahren im  paraguayanischen Chaco niedergelassen hat, lassen uns noch einen Tag länger am Lago Iberá verweilen. Wir erfahren, dass im Norden alles überschwemmt ist (eigentlich wäre jetzt Trockenzeit – El Niño lässt grüssen) und wir die geplante Reise durchs Pantanal und den bolivianischen Chaco für die nächsten Wochen vergessen müssen. So wird uns genug Zeit für den Süden Brasiliens bleiben.

Seit einigen Tagen haben wir kein fliessendes Wasser mehr, weil die Pumpe kaputt ist. Nach vielen Hinweisen und Abklappern von Geschäften mit Pumpen scheint es in diesem Teil Argentiniens unmöglich, eine 12-V-Tauchpumpe zu kaufen. Wir hoffen, die Versprechungen via Mail einer Camperausbaufirma in Brasilien lösen sich nicht in leere Worte auf. Der Komfort von fliessendem Wasser lernen wir jetzt so richtig schätzen.

Damit wir eine unfallfreie Fahrt haben, werden wir – wie es sich in Argentinien gehört - noch die Grabstätte des Gauchito Gil in der Nähe von Mercedes besuchen.  Sein Segen sei nötig für eine weiterhin gute, genussvolle Reise. Ob wir ihm an einem der vielen, für ihn aufgebauten Altären wie üblich auch einen Raddeckel, eine Büchse Bier oder eine Hupe spenden werden?


Wir grüssen Euch alle herzlich
Brigitte und Lukas







Mittwoch, 11. April 2012

Andenpässe

Mendoza - Paso Agua Negra (4780müM)- La Serena - Copiapò - 
Paso de San Francisco (4720müM)




Kaum hatten wir unseren letzten Blog ins Netz gejagt, erreichte uns die Nachricht vom Tod von Brigittes Mutter.
Auf unserer Adieu-Tour vor unserer Abreise nahmen wir auch Abschied von Mama. Sie und wir wussten, dass er endgültig sein wird. Auch wenn wir den Abschied so auf zwei Hälften verteilen konnten, schmerzt er trotzdem sehr: Nie mehr ihre Hand schütteln, ihr nie mehr eine Karte schreiben dürfen, nie mehr gegen sie beim Jassen verlieren...
Wir hoffen, Mama Kesseli begleitet uns weiterhin.



Dem Himmel (und somit auch Mama) waren wir auf zwei Andenpässen – jeder über 4700 m hoch – besonders nah. Bei stahlblauem Himmel – aber häufig mit Faserpelzjacke – genossen wir die einmalige Landschaft. Kargste Vegetation, Salzseen, Vicuñas, Schneegipfel, Büsserschnee nehmen unsere Sinne gefangen. Die verschiedensten Felsformationen und -farben kann man weder mit der spanischen noch der deutschen Sprache beschreiben. Und wie soll ich das Gefühl ausdrücken, unter freiem Himmel auf 4000 m Höhe füdliblutt in einer fast 40° warmen Therme zu hocken?
Die lebensfeindliche Hochebene ist nicht übervölkert...
                           
Die Steilheit der Piste ist auch für
südamerikanische Lastwagen verdaubar

Sich aufwärmen auf 4000müM...
Für unser Cämperli waren die Passfahrten die Feuerprobe für das Hochland Perus und Boliviens. Ohne Mucksen und Stottern gehorchte das Auto den unzähligen Steigungswarntafeln. Aber ein ehemaliger Innerschweizer-Beck liess unsere Zuversicht kürzlich wieder einstürzen. Blumig erzählte er von zwei Schweizern, die mit ebensolchen Sprintern in Bolivien gestrandet waren. Fünf Wochen fürs Abschleppen und Warten auf die Ersatzteile, 8000 Fr. um sie zu kaufen, sämtliche Nerven und eine ungenannte Menge an Schmiergeld am Ausreisezoll wegen zu langem Aufenthalt im Reparaturland... Reisen bietet offenbar verschiedenste Arten von Erlebnissen!
Nun, ich bin zuversichtlich. Etwas Schlimmeres als die Taxifahrt in Mendoza wird uns bestimmt nicht passieren: Der Poker-Face-Taxista ballerte seinen Abbruch-Fiat mit wahnwitzigem Tempo durchs Stadtzentrum, jagte Hunde und Kinder auseinander, als wäre ich nicht sein Fahrgast, sondern ein Formel-1-Pilot-Headhunter. Als erstes musste ich mit einem Quilmes (spanisch für Feldschlösschen) mein Herz vom Hals runterspülen, wohin es mir nach den ersten 100 m gestiegen war. Warum wir ein Taxi und nicht das eigene Auto nahmen? Wegen den vielen verrückten Taxifahrern...

Nebst den unzähligen herrlichen Überraschungen von exorbitant schönen Landschaften gabs für uns auch eine Enttäuschung. Ab La Serena befuhren wir nordwärts die so berühmte Panamericana für ca 350 km bis Copiapò (bekannt wegen den geretteten Minenarbeitern). Zuerst fuhren wir durch Pazifik-Nebel, der sich dort sehr häufig wie Rauch an die Berge klammert. Erst nach 800 Höhenmetern wird er weggebrannt, dafür ist jetzt die Landschaft so flach und braun wie ein bis an den Horizont gespanntes braunes Tuch. Das mit Lastwagen wohlgefüllte Asphaltband verläuft oft schnurgerade neben einem aufgegebenen Bahntrasse (und meistens Zäunen) und der nicht endenden Pet-Sammelstelle beidseits der Strasse. Das durch Minen ausgebeutete Land sieht wie weggeworfen aus. Ein Lichtblick war das unscheinbare Nescafé-Häuschen mit der quitschfidelen Wirtin.

Nicht selten fahren Brigitte und ich abwechslungsweise mit dem Velo, während der andere das Auto transportiert. Obwohl wir so ohne jegliches Gepäck fahren können und die Landschaft, den Sand, das Summen von Insekten und die Begegnungen mit Hunden mit Tötungsabsicht besonders intensiv erleben, wissen wir jeweils den Cämperli-Kühlschrankinhalt zu schätzen. 
Wo hat die Touristin links wohl ihr Gepäck?
Während der letzten Tage trafen wir uns immer wieder mit einem jungen Schweizer Paar, das seit Monaten mit den Velos unterwegs ist. Klar, bot ich Sämi grosszügig mein Velo an und nahm seines inkl. dem mit Dutzenden von Kilos bepackten Anhängerli. Dummerweise beachtete ich erst jetzt, dass seine Oberschenkel – frei von Fett – doppelt so dick sind wie meine. Fazit: Willst du eine Cancellara-Figur, dann reise mit dem Velo durch Südamerika.  
                                

Heute ist Ostern! Uns wecken Güselmänner, die den keuchenden, nach Öl schreienden Uralt-Lastwagen mit dem reichlich bereitgestellten Basura beladen. Wenig später sehen wir die andere Seite: Die Kirche des Städtchens ist nicht nur voll, Gläubige stehen bis aufs Trottoir. Anschliessend an den Gottesdienst werden über ein Dutzend Kinder getauft. Nach jedem Taufakt wird das Kind mit Applaus in der Kirchengemeinschaft begrüsst.

Soeben haben wir für heute Abend unseren zweiten Standplatz bezogen. Der erste war in einer Mulde, hinter einigen Dornbüschen, in absolut unfruchtbarer Sandwüste. Während unserem Essen fuhr ein freundlicher Gaucho vor: „Privatland!“ In allerbestem Spanisch erklärte ich ihm, dass wir morgen weiterfahren, ein WC im Auto hätten und absolut keinen Abfall liegen liessen. Er funkte seinem Chef: Privatland! Ich betete meinen Argumentenkatalog nochmals vor, er funkte wieder mit seinem Chef. Aber gegen dessen Argumente, bestehend aus einem einzigen Wort, kam ich nicht an: Privat! Offenbar gibt es Sachen, die zu verstehen über den Horizont eines Schweizers gehen...



Ganz herzliche Grüsse von den von ihrer Reise begeisterten und bis anhin vollkommen zufriedenen
Lukas und Brigitte