Mittwoch, 11. April 2012

Andenpässe

Mendoza - Paso Agua Negra (4780müM)- La Serena - Copiapò - 
Paso de San Francisco (4720müM)




Kaum hatten wir unseren letzten Blog ins Netz gejagt, erreichte uns die Nachricht vom Tod von Brigittes Mutter.
Auf unserer Adieu-Tour vor unserer Abreise nahmen wir auch Abschied von Mama. Sie und wir wussten, dass er endgültig sein wird. Auch wenn wir den Abschied so auf zwei Hälften verteilen konnten, schmerzt er trotzdem sehr: Nie mehr ihre Hand schütteln, ihr nie mehr eine Karte schreiben dürfen, nie mehr gegen sie beim Jassen verlieren...
Wir hoffen, Mama Kesseli begleitet uns weiterhin.



Dem Himmel (und somit auch Mama) waren wir auf zwei Andenpässen – jeder über 4700 m hoch – besonders nah. Bei stahlblauem Himmel – aber häufig mit Faserpelzjacke – genossen wir die einmalige Landschaft. Kargste Vegetation, Salzseen, Vicuñas, Schneegipfel, Büsserschnee nehmen unsere Sinne gefangen. Die verschiedensten Felsformationen und -farben kann man weder mit der spanischen noch der deutschen Sprache beschreiben. Und wie soll ich das Gefühl ausdrücken, unter freiem Himmel auf 4000 m Höhe füdliblutt in einer fast 40° warmen Therme zu hocken?
Die lebensfeindliche Hochebene ist nicht übervölkert...
                           
Die Steilheit der Piste ist auch für
südamerikanische Lastwagen verdaubar

Sich aufwärmen auf 4000müM...
Für unser Cämperli waren die Passfahrten die Feuerprobe für das Hochland Perus und Boliviens. Ohne Mucksen und Stottern gehorchte das Auto den unzähligen Steigungswarntafeln. Aber ein ehemaliger Innerschweizer-Beck liess unsere Zuversicht kürzlich wieder einstürzen. Blumig erzählte er von zwei Schweizern, die mit ebensolchen Sprintern in Bolivien gestrandet waren. Fünf Wochen fürs Abschleppen und Warten auf die Ersatzteile, 8000 Fr. um sie zu kaufen, sämtliche Nerven und eine ungenannte Menge an Schmiergeld am Ausreisezoll wegen zu langem Aufenthalt im Reparaturland... Reisen bietet offenbar verschiedenste Arten von Erlebnissen!
Nun, ich bin zuversichtlich. Etwas Schlimmeres als die Taxifahrt in Mendoza wird uns bestimmt nicht passieren: Der Poker-Face-Taxista ballerte seinen Abbruch-Fiat mit wahnwitzigem Tempo durchs Stadtzentrum, jagte Hunde und Kinder auseinander, als wäre ich nicht sein Fahrgast, sondern ein Formel-1-Pilot-Headhunter. Als erstes musste ich mit einem Quilmes (spanisch für Feldschlösschen) mein Herz vom Hals runterspülen, wohin es mir nach den ersten 100 m gestiegen war. Warum wir ein Taxi und nicht das eigene Auto nahmen? Wegen den vielen verrückten Taxifahrern...

Nebst den unzähligen herrlichen Überraschungen von exorbitant schönen Landschaften gabs für uns auch eine Enttäuschung. Ab La Serena befuhren wir nordwärts die so berühmte Panamericana für ca 350 km bis Copiapò (bekannt wegen den geretteten Minenarbeitern). Zuerst fuhren wir durch Pazifik-Nebel, der sich dort sehr häufig wie Rauch an die Berge klammert. Erst nach 800 Höhenmetern wird er weggebrannt, dafür ist jetzt die Landschaft so flach und braun wie ein bis an den Horizont gespanntes braunes Tuch. Das mit Lastwagen wohlgefüllte Asphaltband verläuft oft schnurgerade neben einem aufgegebenen Bahntrasse (und meistens Zäunen) und der nicht endenden Pet-Sammelstelle beidseits der Strasse. Das durch Minen ausgebeutete Land sieht wie weggeworfen aus. Ein Lichtblick war das unscheinbare Nescafé-Häuschen mit der quitschfidelen Wirtin.

Nicht selten fahren Brigitte und ich abwechslungsweise mit dem Velo, während der andere das Auto transportiert. Obwohl wir so ohne jegliches Gepäck fahren können und die Landschaft, den Sand, das Summen von Insekten und die Begegnungen mit Hunden mit Tötungsabsicht besonders intensiv erleben, wissen wir jeweils den Cämperli-Kühlschrankinhalt zu schätzen. 
Wo hat die Touristin links wohl ihr Gepäck?
Während der letzten Tage trafen wir uns immer wieder mit einem jungen Schweizer Paar, das seit Monaten mit den Velos unterwegs ist. Klar, bot ich Sämi grosszügig mein Velo an und nahm seines inkl. dem mit Dutzenden von Kilos bepackten Anhängerli. Dummerweise beachtete ich erst jetzt, dass seine Oberschenkel – frei von Fett – doppelt so dick sind wie meine. Fazit: Willst du eine Cancellara-Figur, dann reise mit dem Velo durch Südamerika.  
                                

Heute ist Ostern! Uns wecken Güselmänner, die den keuchenden, nach Öl schreienden Uralt-Lastwagen mit dem reichlich bereitgestellten Basura beladen. Wenig später sehen wir die andere Seite: Die Kirche des Städtchens ist nicht nur voll, Gläubige stehen bis aufs Trottoir. Anschliessend an den Gottesdienst werden über ein Dutzend Kinder getauft. Nach jedem Taufakt wird das Kind mit Applaus in der Kirchengemeinschaft begrüsst.

Soeben haben wir für heute Abend unseren zweiten Standplatz bezogen. Der erste war in einer Mulde, hinter einigen Dornbüschen, in absolut unfruchtbarer Sandwüste. Während unserem Essen fuhr ein freundlicher Gaucho vor: „Privatland!“ In allerbestem Spanisch erklärte ich ihm, dass wir morgen weiterfahren, ein WC im Auto hätten und absolut keinen Abfall liegen liessen. Er funkte seinem Chef: Privatland! Ich betete meinen Argumentenkatalog nochmals vor, er funkte wieder mit seinem Chef. Aber gegen dessen Argumente, bestehend aus einem einzigen Wort, kam ich nicht an: Privat! Offenbar gibt es Sachen, die zu verstehen über den Horizont eines Schweizers gehen...



Ganz herzliche Grüsse von den von ihrer Reise begeisterten und bis anhin vollkommen zufriedenen
Lukas und Brigitte


Kommentare:

  1. Ich glaub ich muss Euch im Winter doch mal noch besuchen kommen. Der Blog und die Fotos machen mich mega gluschtig!!!!!!
    regu

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  2. Nur zu, liebe Regula, las puertas estan abiertas! wer weiss, wo wir im Winter sind. etzt gehts los Richtung Brasilien - wir haben die Pläne nochmals geändert. Zuerst Iguazu, dann Brasilien/Pantanal und dann Bolivien.
    Wir freuen uns auf alles was nun kommt.Liebe Grüsse
    the oldies

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  3. Vielleicht komme ich mit Peg mit! :-D
    Wir haben sie ja schon mal an den Arnoldschen Kanon gewöhnt..hihihi
    Isabelle

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