Freitag, 13. September 2013

5000 km ostwärts

Calgary – Winnipeg – Thunder Bay – Highway 11 – 
Niagara Falls – Toronto – Montreal – Québec – Fredericton – Halifax

Kanada ist nach Russland das zweitgrösste Land
Beachte den Massstab!

Während knapp drei Wochen fuhren wir also ostwärts durch ganz Kanada, durch vier Zeitzonen und zwei Sprachgebiete. Jetzt können wir über Kanada so absolut fundiert berichten wie ein Japaner über Europa, der diesen Kontinent in der gleichen Zeit diagonal durchrast...
Aber einige subjektive Eindrücke vom zweitgrössten Land der Welt haben wir doch abgespeichert.
Schon an einem der ersten Tage werden wir mit drei weiteren Weltrekorden beglückt: Wir sehen die weltgrösste Dinosaurierskulptur (gemäss Reiseführer), wir gehen über die längste Fussgängerbrücke der Welt (gemäss Hinweistafel), und wir haben die scheusslichsten Donuts der Welt auf dem Esstisch (selber herausgefunden).
Weltrekord 1
Weltrekord 2



















Weltrekord 3








Zwischen dem lebendigen Calgary und dem rasend schnell wachsenden Toronto unterbrechen nur die Getreidesilo-Stadt Winnipeg und Thunder Bay die unendlichen, fast menschenleeren Ebenen. Tagelang fahren wir auf pfeifengeraden Strassen, die sich wie ein Bleistiftstrich am Horizont verlieren; durch Getreidefelder, nur durch Rapsfelder unterbrochen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Farmern in diesem mittleren Teil Kanadas interessant ist: Jeder Farmer betreibt extreme Monokultur, d.h. er sitzt jeden Tag auf der Maschine. Entweder zieht diese den Pflug, die Egge, die Sähmaschine oder die Giftspritze. Dann darf der Farmer auf den Mähdrescher wechseln. Tiere beherbergt die Farm keine. Finanziell scheint das ganze auch nicht so interessant zu sein: Die Farmhäuser sind alles andere als behäbig, und für's Wegräumen der in den letzten Jahrzehnten ausrangierten Maschinen und Autos scheint das Geld und die Zeit zu fehlen...


Während zwei Tagen fahren wir durch einen Landesteil, wo „gar nichts ist“. Einige wenige grasende Kühe sind schon bemerkenswert, die sehr bescheidenen, nicht isolierten Häuschen mögen wohl Langzeitarbeitslose beherbergen. Die Sperrgutabfuhr scheint nie vorbeizukommen.
Halt! Da waren noch die äusserst interessanten Hoo-Doos in einem Canyon
Das dunkle Band sind Kohlenflöze

Um Toronto kommen wir in eine andere Welt! Ich erinnere mich an die Aussage eines Nordamerikaners: „Wir haben alles, das Schlechteste und das Allerbeste.“ Der stockende Verkehr auf der zwölfspurigen Autobahn mitten durch dichtest besiedeltes Gebiet möchte einen glauben machen, Kanada sei massiv überbevölkert. Das freundlich-tolerante Verkehrsgebaren wechselt zum Kampf um Autolängen. Am Seeufer finden wir prächtige Flanieranlagen, trendige Cafés laden für eine Pause ein, gigantische Einkaufszentren hauen auch verwöhnte Schweizerinnen aus den Socken. Weit über ein Dutzend Wolkenkratzer sind im Bau, der Bauherr ist den Fassaden nach ganz sicher nicht das Amt für sozialen Wohnungsbau. Auch die Preise für eine Stadtrundfahrt, für die Turmbesteigung, für einen Snack sind durchaus über dem gewohnten Denken eines Schweizers.
Die Hochhäuser wachsen schneller als Gras
Nicht menschenleer wie eine normale nordamerik. Stadt
























Seit ich in der Volksschule das erste Mal über einem Atlas brütete, wollte ich die Niagarafälle sehen. Und schon immer wollte ich in einem Helikopter fliegen. Und jetzt könnte ich die Fälle mit den unermesslichen Wassermassen aus einem Heli bestaunen! Also, nichts wie los, wie heisst es in der Werbung? „Einiges kann man nicht kaufen, für alles andere gibt's die Visa-Karte“.
Winkewinke!
Der Arnold am besten Platz





























Diese Wucht! Dieses Tosen!

Zum Wassrfallkontakt bereit!





Ebenso eindrücklich wie der Panorama-Flug, wenn auch ganz anders, war die Schifffahrt ganz nahe an den Hauptfall. Welch unvergesslicher Sound, welche entfesselte Gewalt! Die tobende Gischt hatte leichtes Spiel, unsere Regenpellerinen zu überlisten. Bei der Attraktion „Sehe die Fälle von hinten!“ kam mir die oben zitierte Aussage über das Beste und Schlechteste in den Sinn: Durch jedes Felsfenster sah ich nicht mehr als das gleichmässige Grau wie durch ein starkes Milchglasfenster. Der 4D-Film über die Entstehung der Fälle hingegen zeigte, dass Kanada weiss, was Technik ist. Echtes Schneegestöber und eisige Böen fehlten so wenig wie Erdbeben.

Ein Freilichtmuseum gibt uns eine willkommene Fahrpause. Die aus der weiteren Umgebung hergeschafften Gebäude liessen uns die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts durchstreifen. Alles erscheint verblüffend echt. Der beachtliche Ranzen des Sägers passt herrlich zu seinen Sackhosen, der Bäcker trägt eine Schürze, die den heutigen Lebensmittelvorschriften ganz bestimmt nicht genügt, der Schmied dürfte gern mal einen Tag seine Werkstatt aufräumen, die ausgestopfte Lehrerin steht zu unserem Erschrecken plötzlich auf, zeigt mir ihren Tatzen-Lederriemen, referiert über feet, yard und acres und beklagt sich über ihren mickrigen Lohn. Der vollbärtige Rossknecht hat alle Zeit der Welt, um das Pferd saufen zu lassen.
Elternarbeit, Teamsitzungen, Schülermitsprache, ... Sie machte es ohne.

So oft bewahrheitet sich die zitierte Aussage, dass Kanada das Beste und Schlechteste habe. Einerseits fühlen wir uns im Land des Reichtums und der Technik, andererseits in einem Entwicklungsland. Je ein Beispiel: Ich lasse in einer Vertrauen erweckenden Pneu-Garage die Räder diagonal wechseln und auswuchten. Als ich sehe, dass der Arbeiter das Auto auf vier Schemel aufbockt, frage ich ihn, warum er nicht einen der beiden Lifte benütze. „Ja glauben Sie, einer der beiden funktioniere?“. Ich fahre aus der Werkstatt an Industriebauten vorbei, die problemlos für die Vergabe des Architektenwettbewerbes „schönster Zweckbau“ nominiert werden könnte.

In einigen Beziehungen ist Kanada einem Entwicklungsland recht ähnlich

Hier im Osten, in den Provinzen New Brunswick und Nova Scotia, kommen wir uns wie in England vor. Die Rasen vor den properen Häuschen sind kurz und gepflegt, die Städtchen mit kleinen Ladengeschäften bestückt, rabattengesäumte Gehwege und schmiedeiserne Verzierungen sind häufig. Aber wer von Portugal über Skandinavien nach Polen reist, sieht ja auch verschiedenste Bau- und Wohnstile.

Heute werden wir unser Cämperli im Hafen von Halifax auf die Heimreise schicken. Wir werden ein Mietauto übernehmen und uns noch weitere zwei Wochen in Nova Scotia und New Brunswick umschauen.

Liebe Grüsse aus dem täglich herbstlich-bunter werdenden Osten Kanadas

Lukas und Brigitte









Kommentare:

  1. Hallo Ihr zwei
    Gerade letzte Nacht - es war auf alle Fälle nach 12 Uhr (so um die gleiche Zeit als Du am Schreiben warst) habe ich nachgeschaut, was es von den Noeldis Neues gibt - nichts, nichts! Ich weiss noch gar nicht was ich mache, wenn ihr zurück seid und ich vor dem Schlafengehen auf dem iPhone noch eine "Gute-Nacht-Geschichte" lesen möchte! Eure Blogeinträge habe ich meistens im Bett so kurz vor dem Einschlafen gelesen!
    Von jetzt an seid Ihr also wie ganz normale Touris unterwegs - mit Mietauto! Geniesst die Zeit noch - ich freue mich riesig bis ich Euch wieder sehe! Hebets guet - bis gli Astrid

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  2. Ich drücke dem Merzli die Daumen für eine heile Heimreise! Und euch noch einmal zwei Wochen volle Wucht vom Besten!

    Isabelle

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    1. Die Wucht ist eingetroffen! Es regnet und schifft und strätzt mit voller Wucht! Aber Nova Scotia = die Provinz mit der Hauptstadt Halifax bietet nochmals einen bunten Strauss an traumhafter Küste, Vegetation und englischer Ambiente. Wollten wir uns alles ansehen, müssten wir die Reise nochmals verlängern; wollen wir doch nicht: uns zieht's nach Hause zu Euch!
      the oldies

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  3. Ich schliesse mich der Wucht an und freue mich enorm auf Euch!
    regu

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  4. Hallo Ihr zwei Weltenbumler!
    Endlich konnte ich eure Berichte wieder lesen. Wir freuen uns sehr, bis wir uns wiedersehen. Schön, dass ihr wieder nach Hause kommt. Wird euch nicht leicht fallen, wieder in der Schweiz zu leben. Auch wir geniessen die freie Zeit sehr, gehen wandern, oder fischen. Bis bald und hebet eu sorg! d'Rhyntaler

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  5. Ich glaube nicht, dass es uns schwer fallen wird, wieder in der Schweiz zu leben. Schliesslich ist dort unser Zuhause. Je mehr wir von der Welt gesehen hat, desto klarer wird uns, wie gut wir es in der Schweiz haben. Trotzdem ist es interessant, auch andere Bräuche und Sitten kennenzulernen, andere Länder zu sehen und die Welt in grösseren Zusammenhängen zu entdecken. Auch wir freuen uns aufs Wiedersehen und wünschen Euch tolle Herbstwanderungen und ordentliches Petriheil. Brigitte

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  6. Hallo ihr zwei Weltenbummler
    Ja ich denke auch, dass die Schweiz sehr viele Vorzüge hat, trotzdem war es sehr schön durch eure Berichte etwas von der Welt kennen zu lernen. Ich freue mich riesig ,dass ihr wieder nach Hause kommt und wir uns einmal sehen können. Wenn es euch zu Hause langweilig wird, könnt ihr ja eine kleine Reise in die Innerschweiz machen. Ich freue mich riesig auf euch!!!!!
    Rita

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  7. Bernadette und Godi17. September 2013 um 19:25

    Hallo Ihr Lieben
    s' Mercli ist auf dem Heimweg! und ihr kommt auch bald Heim. geniesst aber noch die restliche Zeit. Möchte mal herzlich danke für die tollen Reiseberichte. Passt gut auf und kommt dann Anfangs Oktober gesund zu Hause an. Wir freuen uns sehr, bis wir uns sehen und dann wieder plaudern können!
    Liebi Gruess
    Bernadette und Godi

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  8. Liebes Gotti, lieber Lukas!
    Vielen Dank nochmals für die tollen Blogs und dass ihr uns an eurer Reise und Touren teilhaben lässt. Wir wünschen euch noch eine schöne restliche Zeit und eine gute Heimreise! Ich hoffe, dass wir uns bald mal wieder treffen!
    Liebe Grüsse
    Marion

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