Dienstag, 8. Januar 2013

Kolumbianische Festtage

Von Medellin nach Cartagena lernten wir
die Hitze kennen. Morgen beginnt in dieser 
Hafenstadt die Suche nach einem Schiff 
nach Colòn, Panama
Kolumbien wird unser letztes südam. Land sein. 
Ausser in Venezuela und den kleinen Ländern
im Nordwesten waren wir in allen Ländern





















Ob wir auch einen Christbaum im Auto hätten? Notgedrungen einen Bonsai? Nein, denn das ist nicht nötig. Die Kolumbianer sind fleissige Dekorierer. Die Ortschaften sind weihnächtlich dekoriert, mit ganz unterschiedlichem Aufwand. In Medellin ist die Dekoration millionenschwer, im kürzlich besuchten Sopetran wurden Schneesterne mittels Petflaschen, CDs und Silberpapier gefertigt. Wichtig ist überall: Möglichst alles aus Plastic und es muss farbig blinken. In der Gastfamilie in Medellin, wo wir bis kurz vor Weihnachten wohnen durften, sind diese Bedingungen mehr als erfüllt: Baum und Gehäng­sel aus Plastic, alles blinkt in verschiedenen Programmen, und zusätzlich dreht sich der Baum. Ein Samichlaus stellt halbminütlich seine Leiter an den Baum, um den übervollen Rucksack loszuwerden. Und vor dem Fenster auferstehen täglich unzählige Male zwei Schneemänner, bei 27° C eine gute elektronische Leistung!

Unsere Gasteltern mit ihren 3 Söhnen,
Santiago ist der zweite von rechts



Ja, der Samichlaus resp. die Familie Mejia hatte auch für uns ein Geschenk im Rucksack. Wir durften während zweier Wochen auf ihrer gemieteten Finca 80 km nördlich von Medellin die Feiertage verbringen. Das gab uns Gelegenheit, die Bräuche in einer Familie der kolumbianischen Oberschicht etwas kennenzulernen. Dazu genossen wir die tropische Wärme, die wegen der idealen Höhenlage nie zur Hitze wurde. Was für ein Erlebnis, um den Jahreswechsel herum täglich und bis tief in die Nacht hinein kurzghöslet und im T-Shirt in der Nähe des Pools herumzuhängen und dabei sich auf die treuen Dienste der beiden Hausangestellten verlassen zu dürfen! („Don Lucas, wünscht er vielleicht Kaffee oder Saft?“).
Auffahrt zur Finca


Hier lässt sich leben, oder?


















Wie ist das 
Ferienleben auf dieser kolumbianischen Finca?
Blick vom Schwimmbad aus
An erster Stelle muss ich die herrschende absolute Freiheit und die extreme Toleranz erwähnen. Brigitte bezeichnet diese Freiheit zwar als Chaos, ich betrachte es als Toleranz-Nagelprobe für mich. 



Zum Beispiel bereitet die Haushalthilfe das Mittagessen vor, sodass es zwischen 12°°h und 14h30 bereit ist. Die andern halten aber Gegenrecht: Wenn sie zum Essen ruft, kommen lange nicht alle sofort, sondern verteilt auf zwei Stunden. Ausser dem Mittagessen futtert man aus dem Kühlschrank (dessen Türe zwischen zwei Kühlschrankgängen durchaus offen bleiben kann). Oder jemand kocht irgendwann Milchreis und stellt den Topf damit auf einen Tisch. Oder bringt aus dem Dorf etwas in Öl schwimmendes mit. Oder rüstet Papayas und lagert die Schnitze neben der Ausgangsmeile der Fliegen. Oder wirft den Grill an und muss zuschauen, wie ihm das noch halbrohe Fleisch vom Blech weg gefressen wird. Auch Brigitte wurde der warme Zopf noch direkt vom Ofen angeknabbert. Auf das Wegräu­men von leeren Bierbüchsen oder Essensresten, auf das Zurücklegen des Getränke-Eises in den Gefrierer scheint die Todesstrafe zu herrschen, es wird den Haushalthilfen überlassen, die unermüdlich und erfolgreich gegen die Un­ordnung ankämpfen (für 300 Fr. pro Monat). Der Radio plärrt mindestens 24 h täglich, und grundsätzlich auf Maximallautstärke (die Musikauswahl gefällt mir allerdings). Und wenn ich mal den Lautstärke-Knopf ganz verstohlen und nur um ein µ zurückdrehe, werde ich angeschaut, als käme ich soeben vom Mars. Das Handy hat immer und überall absoluten Vorrang: Während des Kartenspiels, während eines Ge­sprächs, während dem Billardspielen wird auf dem Natel herumgedrückt, als sei es ein Patient auf der Notfallstation. Und beim Telefonieren wird so in den Knochen geschrieen, als wäre er ausgeschaltet und der andere müsse alles trotzdem verstehen. Und niemand (der Einheimischen) stört sich im Gerings­ten daran!
Was gibt es besseres als eine sonnenwarme
Mango zum Zmorge?
Ich habe schnell gelernt und galt
bald als "Mangorüster vom Dienst"


















Ich bewundere mit offenem Mund diese Toleranz. Nicht einmal, also nie, kein einziges Mal, höre ich, dass jemand zurechtgewiesen wird, über jeman­den negativ gesprochen, etwas nicht gutgeheissen wird. Wenn jemand wäh­rend des Billardspielens wegläuft, spielt er halt nicht mehr mit. Damit hat es sich. Wenn die 17Jährige während des Kartenspiels u-n-u-n-t-e-r-b-r-o-c-h-e-n auf dem Natel herumtöggelet, verjagt es mich fast. Aber niemand anders (ausser noch Brigitte) stört sich daran oder lässt sich etwas anmerken. Man nimmt das wegen dem Teeny langsamere Spiel einfach in Kauf. Als Alt-Lehrer musste ich einmal mit einer Bemerkung Dampf ablassen. Die Antwort: „Sie ist so glücklich mit ihrem Handy!“. Wenn jemand mit verschwitztem sonnengeöltem Ranzen neben der Dusche vorbei in den Pool plumpst, juckt es mich. Die andern realisieren das kaum oder denken, der wird halt nicht gern duschen.
Der Gringo macht etwas ohne Fleisch und ohne Reis?
Das muss interessant sein!


Der Heiligabend und die Silvesternacht verlaufen ähnlich. Weiterhin ist ein Kommen und Gehen von Gästen. Alle sind extrem entspannt, geniessen die Gesellschaft, den lauen Abend, trinken, tanzen oder werden getanzt. So nebenbei fut­tert man feine Häppchen. Neben dem Grill lagern mehrere Kilo Fleisch. Bevor es aber gegart werden kann, muss der Hausangestellte im Dorf noch Holz­kohle besorgen. Das ist auch 

Beim Duschen nicht warten, bis warm kommt,
sondern bis das Wasser kalt fliesst!
am Heiligabend spät offenbar kein Problem. An beiden Festen lassen die umliegenden Fincas Feuerwerk in die Luft, was das Zeug hält. Und ein Gast brachte einen noch leistungsstärkeren Musiklautsprecher. Auch zum Hauptgang – welcher ist es eigentlich? - sitzt man nicht zusammen an einen gedeckten Tisch. In einer Schüssel oder auf dem Grillblech ist das Fleisch, man bediene sich, Plasikteller liegen bereit. Sollte irgend ein Auslän­der noch Kartoffeln oder Chips wünschen, so hat es dort hinten unten links. Übri­gens:  
Was ist eigentlich Salat oder Gemüse?

Aus diesem Stückli Fleisch gibt es
sicher zwei/drei Häppli


Immer fröhlich


















Am 2. Januar verlassen wir unsere lieben Gastgeber mit grösster Dankbarkeit für die absolute und beispielhafte Gastfreundschaft und Grosszügigkeit, für die uns gebotene Live-Show über das Leben und die Bräuche in einer kolum­bianischen Familie. In unserem Gepäck haben wir den Beweis, dass das Ge­lingen einer Einladung, eines Festes nicht vor allem von einem perfekt ge­deckten Tisch, von einer tadellosen Vorbereitung abhängt. Hoffentlich verlie­ren wir dieses kostbare Souvenir nicht bis zu unserer Rückkehr.
Ungezwungenes Zusammensitzen

Jetzt sind wir auf dem Weg an die Karibikküste, nach Cartagena, um dort ein Schiff nach Panama zu finden (es gibt keine Strasse, nicht mal einen Fuss­weg zwischen Kolumbien und Panama). Die tropische Hitze auf Meereshöhe hat uns nach dem letzten Andenpass bereits voll erwischt. Gestern Nacht, endlich eingeschlafen, träumte mir, ich hocke im Fegefeuer und hätte von Petrus die heisseste Ecke zugewiesen be­kommen. Wie ungerecht, habe ich mir doch an Silvester soviel Gutes vorge­nommen!

Dass niemand von Euch auch in diese Ecke muss, hoffen mit lieben Grüssen

Lukas und Brigitte


Über die Festtage habe ich ein/zwei Kilo zugenommen,
aber ich habe ja Neujahrsvorsätze gefasst!

Kommentare:

  1. Bernadette und Godi8. Januar 2013 um 21:19

    Hallo Brigitte und Lukas
    Vielen Dank für den tollen Bericht, sicher habt ihr eine unvergessliche Zeit erleben können. Schön auch zu lesen, dass es Euch gut Geht
    Gibt weiterhin auf euch acht!
    Liebe Grüsse aus dem Frühlingshaften Wil

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  2. Petrus weist Plätze im Fegefeuer zu? Ich dachte der ist für die obere Etage zuständig.

    Ich bin schon gespannt ob ihr die Tigerente entdeckt.

    Isabelle

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    1. Hilf uns auf die Sprünge!! Tigerente??

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    2. Oh wie schön ist Panama, von Janosch. Der Bär mit seiner Tigerente.
      Habt ihr mir das nicht oft genug vorgelesen dass ihr euch nicht mehr daran erinnert? Ich hätte wohl auf dem tausendsen Mal beharren müssen!

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  3. huii, und ich bin bei diesem bericht auch wieder in Kolumbien! Danke für diesen Bericht! Super!
    die mitte

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  4. Liebe Brigitte, Lieber Lukas

    Kurz vor Büroschluss, habe ich mit einem wirklichen schmunzeln Euren Bericht vom Besuch beim Gastgeber in Kolumbien gelesen. Ich hatte Freude daran. Könnte übrigens auch in Südafrika sein.

    Wir haben halt andere Wertvorstellungen. Ob sie "besser" oder "richtiger" seien sei dahingestellt.

    Liebi Grüess und witerhin de Plausch bim Reise.
    Martin Wernli

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  5. Herrlich wie dir die Vögel zupfeifen während du dem Schlamm entsteigst! juhuii, die Alte.

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  6. Hallo zusammen
    Vielen Dank für diesen Bericht. Ich weiss nun sicher, dass ich nicht geschaffen wäre für eine solche Reise. Ich lese aber immer gerne eure Berichte und freue mich an den tollen Fotos.Bei uns gibt es nicht viel neues.
    Liebe Grüsse Rita und Peter

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  7. Liebe Brigitte und Lieber Lukas
    Eure Berichte sind einfach super. Fast bei jeder Zeile huscht ein Lächeln oder ein Schmunzeln über meine Lippen. Ich wünsch Euch weiterhin eine gute Reise.
    The Killer vo Appäzöll

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