Montag, 26. November 2012

Überraschendes Kolumbien

San Agostin - Armero - Manizales - Salento - Sta Rosa - Medellin

Nur der südlichste Teil Kolumbiens ist 
auf der Südhalbkugel, der nördlichste Teil
ist aber nur 12° Nord - also schwer in
den Tropen!
Drei parallele Kordilleren, eine Pazifikküste, 
eine grosse Karibikküste und ein gewaltiges, 
fast unbewohntes Amazonasgebiet (Regenwald):
das ist Kolumbien

Von allen Wissenschaftlern können die Archäologen ihre Arbeit am besten „verkaufen“ und zudem fahren Brigitte und ich ja extrem auf altes Zeugs ab: Also reservieren wir uns in San Agustin nochmals einen ganzen Tag, um eine weitere Serie der rätselhaften Steinmannli zu besichtigen.


Ich zweifle jetzt aber, ob die Archäologen den hier gelandeten Marsmenschen nicht auf den Leim gekrochen sind und somit nicht erkannten, dass diese Skulpturen nichts anderes als für uns hinterlassene Andenken dieser Ausserirdischen sind.

10 km vor dem Besucherzentrum in der vom Reisebuch hochgelobten Tatacoawüste hat es noch immer grüne Wiesen, grosse gesunde Laubbäume. Wann kommt endlich die extreme Klimascheide?
Nie. Um das Besucherzentrum – ein Haus mit einigen Postern und einem Teleskop – grasen weiterhin Kühe, sie leiden allerdings nicht an Übergewicht.



Das Gelände, die Hügel sind sicher bemerkenswert geformt, aber die Hinweistafel bestätigt es: Mit gleichviel Niederschlag wie Fehraltorf (Verteilung übers Jahr hin oder her) ist der Ausdruck „Wüste“ nicht ideal gewählt. Zudem regnete es während der vergangenen Nacht, der spezielle Schlamm verwandelt das Profil unserer guten Pneus in eine wursthautähnliche Oberfäche. Aber nach einer Stunde hatten wir unser Fahrzeug trotzdem wieder auf der Piste...








Während des Einnachtens verbringen wir eine weitere Stunde mit dem Einsaugen von Mückenschwärmen in unseren leistungsfähigen Autostaubsauger. Kurz nach dem Eingestehen unserer Kriegsniederlage übernimmt ein erneuter vielstündiger heftiger Regen den Kampf gegen diese Viecher. Typisch Wüste.


Armero hatte vor 27 Jahren 23 000 Einwohner, heute besteht dieser Ort aus einem jungen Wald, durchsetzt mit halbversunkenen zerstörten Häusern und unzähligen Grabsteinen. Der Vulkan Nevado del Ruiz beziehungsweise dessen Schlamm- und Gerölllawine demonstrierte zum zweiten Mal, dass Vulkane keine lange Aufwachzeit brauchen.


Der Weg nach unserer 80 km entfernten angepeilten Stadt führt nahe an diesem Vulkan vorbei, ist aber auf der Landkarte nur noch gestrichelt gezeichnet. Die nicht einladende Alternative wäre eine vielstundenlange Asphalt-Strassenfahrt (mit vermutlich einigen Nahtod-Erlebnissen in Kurven und auf Kuppen). Um kein Risiko einzugehen, erkundigt sich Brigitte auf der Polizeistation bei vier Männern in Kampfmontur nach allfälligen Gefahren. Sie wird beruhigt: Der Vulkan sei kaum aktiv, Guerillas seien nicht zu befürchten und die Piste sei recht, aber nicht allzu gut. Nach der letzten gar nicht so garstigen Piste mit der Auskunft „streckenweise miserabel“ erwarten wir also eine ungeteerte, aber rechte Strasse. Nach 45 km im ersten Gang mit bachbettartigen Abschnitten, mit vom Regen tief ausgewaschenen Gräben, mit abgesackten Pistenrändern, nach Schwefel riechenden Bächen und mit Schwefelgeruch durchsetzter Luft, einem den Vulkan beobachtenden und allfällige Wanderer zurückweisenden Refugiowart (Vulkangipfel wegen Semiaktivität gesperrt) sowie einer Horde bewaffneter Militärpersonen wissen wir, das Auskünfte hier besonders stark von der befragten Person gefärbt sind. Aber das Erlebnis möchten wir keinesfalls missen! Die Vegetation war umwerfend, die Pistenränder zauberhaft überwachsen, die Vulkan-Bergwelt äusserst beeindruckend.
       Filmli

So ist der Blick aus dem Autofenster auf 4000 m!























Salento ist ein an Wochenenden von kolumbianischen Touristen gern besuchter kleiner Ort. Zwei Sachen bleiben uns in bester Erinnerung: Zum einen der Besuch einer Kaffeefarm, wo uns 1 : 1 alle Zwischen­stufen von der Staude bis zum dampfenden Tassli gezeigt wurden (PS: Ich bin lieber Leh­rer als Kaf­feefarmer).






Zum andern ein absolut herrlicher Ausritt. Nur zusammen mit dem jungen Pferdevermieter konnte ich während vier Stunden durch üppigste Natur gehen/traben/galoppieren. Ich nehme an, in der Schweiz dürfte ich als Reitschüler frühestens nach einem Jahr (und vielen hun­dert Franken) Reitunterricht diesen Weg auf einem Ross gehen. Wie genoss ich es, auf dem Pferd durch einen Bach zu waten, wie ein Wildwestfilm-Protagonist die Augen zusammengekniffen und in die Weite schauend, oder durch lichten Wald zu galoppieren, die Äste nur mit lässigem Kopfsenken abwehrend.




Das Pferd und ich verstanden uns prächtig. Bei „feines Rössli“ setzte es sich in Trab oder Galopp, bei „he Du Scheissgaul“ blieb es augenblicklich stehen. Und wenn der Weg extrem felsig und steil wurde, schloss ich die Augen, senkte den Kopf und übergab alle Verantwortung dem Pferd.










Und nebenbei: Hätte das Rössli am Folgetag auch solchen Muskelkater wie ich gehabt, wäre das ein klarer Fall für den Tierschutzverein!





Wie gefährlich ist es in Kolumbien?

Es ist verständlich, dass die Leute nach unzähligen Regierungs­wechseln mit Schreckensherrschaften und nach 50 brutalen Guerillajahren ein fundamentales Be­dürfnis nach Sicherheit haben, dass Ihr Vertrauen in Ruhe, Ordnung und Ehrlichkeit überhaupt nicht mit unseren Gewohnheiten vergleichbar ist. Gibt es uns ein Gefühl der Sicherheit oder Unsicher­heit, wenn an einer stark befahrenen Strasse jede Brücke von mehreren massiv bewaffneten Solda­ten bewacht wird? Zurzeit ist es von Seiten der Guerillas ruhig, wahrscheinlich auch deshalb, weil gerade jetzt in Kuba Einigungsgespräche zwischen der Farc und der Regierung stattfinden.
Einige Sicherheitsvorkehrungen beruhigen uns, andere finden wir schlichtweg lächerlich. Mache selbst eine Einteilung!:
  • Praktisch jeder Parkplatz, privat oder öffentlich, ist bewacht
  • Ausnahmslos vor jeder Bank stehen mindestens zwei Wachpersonen, Gewehr im Anschlag
  • Vor vielen Geschäften, die mehr verkaufen als Kaugummi und Bananen, stehen private Wachperso­nen. Meist bewaffnet.
  • Stark befahrene Strassen sind mit viel Militärposten bestückt
  • Vor der Einfahrt in ein Parkhaus wird die Autounterseite mit einem Spiegel kontrolliert
  • Beim Verlassen eines grösseren Geschäftes (z. B. „Migros“) muss der Kassenbon vorgezeigt und abgestempelt werden
  • Der rostige Getränkekühlkasten an einer Tankstelle ist angekettet
  • Auch kleine Glacé-Kühltruhen sind abgeschlossen, obwohl sie direkt neben der Kasse stehen
  • Wir übernachteten bei einer Tankstelle. Ich beobachtete, dass der Tankwart nachts auch während des Benzin-Ausschenkens sein Gewehr nicht aus der Hand legt.
  • Ein Autofahrer schliesst ab, auch wenn eine Scheibe fehlt oder die Türe kaum mehr durch die rostigen Scharniere gehalten wird
  • Fast alle Autos sind mit einer Alarmanlage ausgestattet, also zwitschert und jault immer ir­gendwo ein Alarm
Regional sind deutliche Unterschiede festzustellen. Seltsamerweise ist in grossen Städten wie jetzt in Medellin das Wach­personal bedeutend weniger allgegenwärtig wie in kleineren.
Aber: Noch nicht einmal hatten Brigitte und ich berechtigterweise ein ungutes oder gar unsicheres Gefühl oder wur­den gar bedroht. Und wenn wir einmal in eine Polizeikontrolle gerieten (meistens wird unsere Ambulanz durchgewunken, denn es gibt keinen Unterschied zwischen dem weissen und dem roten Kreuz, oder?), wurden wir freundlich, korrekt und genau kontrolliert.

Sicherheitsgurten sind in
Kolumbien obligatorisch...




Ganz klar ist für uns das gefährlichste in Kolumbien der Strassenverkehr.






Hat ihm niemand gesagt, dass Überholen
in Kurven gefährlich sein kann?

 Jetzt sind wir in Medellin bei Santis Familie. Das Leben in dieser pulsierenden Stadt wird das Thema unseres nächsten Blogs sein.

Wir wünschen Euch allen eine schöne Vorweihnachtszeit und grüssen Euch herzlich

Lukas und Brigitte

Mehr Fotos? Klicke oben links unter "Fotos" auf den entsprechenden Titel.




Kommentare:

  1. Liebe Arnolds, wir sind gut in der Schweiz gelandet und heute am Weihnachtsmarkt in Pfäffikon schier verfroren :-) Es freut uns sehr, dass der Grenzübertritt so reibungslos verlief. Weiterhin viel Glück! Liebe Grüsse von den Blaufusstölpeln Marco und Catherine

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  2. Ich finde die Vogel-auf-Kaktus-Fotos sehr schön!

    Was ist an einem Getränkekühlkasten interessant, d.h. warum muss der angekettet sein?

    Isabelle

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  3. Der Kühlschrank wird aus dem gleichen Grund angekettet, wie überall Wachleute stehen. Die Angst vor Diebstahl ist so gross wie vor Überfällen. Wir Schweizer verstehen das vielleicht einfach zu wenig. Alle sind erstaunt bis entsetzt, wenn sie hören wo Lukas und ich uns überall aufhalten. Vielleicht sind wir etwas blauäugig aber wir haben uns noch nirgends bedroht oder unwohl gefühlt.
    Liebe Grüsse
    Mum

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  4. Ich war auch vor einigen Wochen in Kolumbien und nie, wirklich nie, habe ich mich bedroht oder verfolgt gefühlt. Sicher, die bewaffneten Boys vor den Geschäften geben einem manchmal ein mulmiges Gefühl aber nach einiger Zeit gewöhnt man sich daran. Die Kolumbianer sind ein sehr nettes Volk und immer sehr hilfsbereit. Kolumbien ist immer eine Reise Wert. Gruss vom Appäzöller Marcel Killer

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  5. Was definiert eine Wüste?
    lg
    regu

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