Mittwoch, 14. Dezember 2011

Südwärts durch Santa Cruz

Halbinsel Valdés - Cap dos Bahìas - Comodoro Rivadavia - Pto San Juliàn - Rio Gallegos



Einem frischgewählten Bundesrat gibt man 100 Tage, bevor man seinen Start beurteilt. Da ich kein Bundesrat bin, versuche ich eine erste Bilanz unserer Reise schon nach 30 Tagen – plus die Ouvertüre durch Deutschland und die Schifffsreise – zu ziehen.
Mit dem Auto sind wir bis jetzt sehr zufrieden. Bis jetzt deshalb, weil wir bisher immer den schwefelfreien Eurodiesel tanken konnten. Die Nagel-, sprich Schwefelprobe fand noch nicht statt. Das Auto bietet uns nicht nur den nötigen, sondern zusätzlich auch einiges an wünschbarem Komfort. Es ist nicht zu klein, aber auch keinen cm3 zu gross. Den Allradantrieb brauchten wir bei weitem nicht auf 1 % unserer Strecke, aber ohne ihn wären wir bestimmt schon mehr als ein Mal steckengeblieben.

Wir wissen, dass wir viel Zeug mitschleppen, zuhause aber hatten wir den Mut nicht, es zu reduzieren. Und die noch am ehesten verzichtbaren Dinge waren aber auch die leichtesten und kleinsten und daher auch am allerwenigsten wert, darauf zu verzichten. So gehört es mittlerweile zum täglichen Ritual, umzuräumen, wenn man ein Ding von hinten unten links braucht.




          Mangelt es uns in Beziehung aufs leibliche   
                 Wohl an etwas? Ich sehe nichts, nada!




Die Vorbereitung der Reise war sowieso ein Paradox, es ist wie die Suppe auslöffeln, bevor man sie auf dem Teller hat. Das Schöne und Interessante an unserer Reise - wir geniessen das jeden Tag - ist doch, nicht zu wissen, was als nächstes geschieht. Trotzdem machten wir zu Hause zwanghaft das weiter, was wir in unserem Berufsleben täglich tun mussten: Vorausplanen, uns mögliche Szenarien vorstellen: Wir ohne Ersatzkleider in Rio, wir mit gestohlenem Auto in
Bolivien, wir mit im Salzsee bis aufs Chassis eingesunken Camper, wir mit jämmerlichen Zahnschmerzen und gestohlenen Kreditkarten, ... . Und so hat es halt in dieser und jener Kiste nicht nur Dinge für den täglichen Gebrauch...
Auch wider alles Wissen behaupte ich, die Tage eines neuen Bundesrates können nicht voller an Erlebnissen sein als die unsrigen. Da denken wir beim Morgenkaffee, dass uns heute ein ruhiger, vielleicht gar eintöniger Tag bevorsteht. Aber da entdeckt der Feldstecher am Meeresufer eine Seelöwenherde. Wir gehen hin und bemerken drei Stunden später, dass diese zufällig entdeckte, in keinem Führer und durch kein Schild angezeigte Kolonie uns diese Tiere schöner und näher und noch natürlicher zeigte als die bisherigen in Naturschutzzonen gesehenen.



            

                                                             Nicht allzu leide Föteli, oder?


Kürzlich machten wir einen 8 km langen Umweg über eine Piste, um ein Freilicht-Geologiemuseum zu besuchen. Das Museum war ein Pluspunkt für diejenigen Leute, die Argentinien als das „no hay“ und „cerrado“-Land bezeichnen (haben-wir-nicht, geschlossen). Aber wir wollten der wunderschönen Schichtstufe nicht einfach den Rücken zukehren und folgten dieser und der Piste. Brigitte ist ja ein Genie im Kartenlesen und ich weiss mit dem TomTom umzugehen. Auf der Karte war der Weg ein Grad besser eingestuft als gar nicht. Wir wurden nur wenig misstrauisch, als die Piste – völlig unlogisch und entgegen aller Erfahrung, mehrere Kurven machte. Eine am Weg auftauchende abgewrackte Fabrik und 200 m Teerresten-Strasse gab uns Sicherheit. Dann aber ging's los: Nicht mal der genialste Karussellkonstrukteur könnte sich für sein Unternehmen eine unbequemere Fahrt einfallen lassen als uns geboten wurde. Nun, um es kurz zu machen: Hätte sich Neil Armstrong auf dem Weg zur Abschussrampe verlaufen, er wäre nicht frustrierter gewesen als die geniale Kartenleserin und der geübte Tschi-Pi-Essler, als diese nach 3 Stunden, heissgelaufenen Stossdämpfern, unzähligen Orientierungshalten und zwei sich widersprechenden Auskünften von Lastwagenchauffeuren an einem völlig unerwarteten Ort wieder auf die Welt kamen.
Da lacht sie noch. Dann nicht mehr.
Nach dem zweiten Bier wieder.

Kürzlich starteten wir zu einer kleinen Biketour. Der Tag versprach wunderbar zu werden: Sonne, aber kein Wind (dafür erfrischten sich aber dauernd die Fliegen an des Velofahrers Schweiss). Da der Single-Trail so schön war und die Aussicht aufs Meer so traumhaft, kam uns die Idee zur Umkehr etwas zu spät. So kamen wir extrem müde, durstig wie ein Staubsaugersack, aber absolut glücklich, etliche Stunden später als geplant zum Auto zurück.

So richtg im Grünen, nur Ameisen und
Schafe besuchen uns.



Die Abende sind meistens herrlich: Die Sonne verkriecht sich später, je südlicher wir kommen. Das Wolkenspiel ist spannender als ein Fernsehprogramm. Gerade heute, den Magen mit genügend Filet gefüllt, staunen wir über die 360°-Grasebene, in alle Richtungen bis zum Horizont. Ca 2 km entfernt eilen Autos auf der Teerstrasse vorbei. In der andern Richtung entdecken wir durch den Feldstecher einige Guanakos. Vier Schafe grasen, dickköpfig entschlossen, unser Auto nicht wahrzunehmen. Der Ton eines Einsatzfahrzeuges entpuppt sich als das Geschrei vorbeifliegender Vögel. Wir machen noch einen Spaziergang, bevor wir bei Einbruch der Dunkelheit, um halb elf Uhr, ins Auto zurückkehren, um Fliegen zu töten und herrlich zu schlafen.
Aussicht rundum bis ins Unendliche
Jetzt geht's noch ein paar Augenblicke,
und der Wind stellt ab und macht den Fliegen Platz




Herzliche Grüsse an alle! Auch auf dem Weg nach Feuerland werden wir häufig an Euch denken.

Lukas und Brigitte

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Kommentare:

  1. Ich bin neugierig: WAS GENAU habt ihr denn jetzt in diesen Kisten für den nicht täglichen Gebrauch? Ein Einwegzahnziehset?
    Isabelle

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  2. Liebe Isabelle
    Nein!!! Da gehen wir doch gleich zum Zahni! Aber Dichtungen, Ersatzteile, Bettflasche...... wir sind froh, wen wir diese Dinge nicht täglich brauchen! Gell, das ist halt anders als mit dem Rucksack. Wir schätzen unseren Komfort und schämen uns gar nicht, wenn wir nicht alle Eventualitäten auf unserer Reise aufbrauchen. Soviele Pannen wünsche ich dann auch wieder nicht. Gerade sind wir in Rio Grand auf Feuerland und denken, dass du da mit dem Bus vorbeigefahren bist!
    Herzliche Grüsse
    the oldies

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  3. Bernadette und Godi18. Dezember 2011 um 07:44

    Hallo Ihr Lieben,
    Herzlichen Dank für die tollen Berichte, intresstant, mag es euch von Herzen gönnen. Werde alles kopien und dann Mama dies auf den neuerworbenen Lappi spielen ( Leider ohne Internet )
    Wünsche Euch schöne Festtag und weiterhin alles Gute
    Liebe grüsse aus den leichtverschneiten Wil
    Bernadette und Godi

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  4. Liebe Brigitte und Lukas, wir lieben Eure Reiseerlebnisse und verfolgen sie ganz neugierig. Am 1.1.12 machen wir uns auf den Weg nach Marokko und wir können dann nicht mehr so oft Eure News mit verfolgen, aber dass wird dann im März wenn wir wieder zurück sind nachgeholt.Hier in Fehraltorf erholen wir uns gerade von den grossen Schneemengen und die erste Probe des Schneesicheren fahrens haben wir hinter uns. Erwin hat 2 mal mit der grossen Schaufel unser Womo freischaufeln müssen damit wir einladen konnten für die lange Reise.Den Clausabend der MR wird vielen in Erinnerung bleiben, der gemütliche Abend war um 00:30 zu Ende, da der Beizer keine Verlängerung bei der Polizei eingegeben hat.Sonst sind uns keine Neuigkeiten bekannt. Wir wünschen Euch wunderschöne, besinnliche Festtage. Es geht auch ohne Tannenbaum und Stille Nacht.
    Ganz liebe Grüsse Ursula und Erwin Graber

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